• Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 19 | Winter 2020
  • S. 51-52

Tag des Zorns

Giuseppe Verdis Messa da Requiem

Text: Elisabeth Birnbaum

In: Magazin Klassik, # 19 | Winter 2020, Radio Klassik Stephansdom, S. 51-52 [Hörermagazin]

Giuseppe Verdis Requiem (1874) ist vom Text her ein fast „normales“ Requiem, also eine Totenmesse, wie sie in der katholischen Liturgie entstand. Diese Totenmesse inspiriert sich an unterschiedlichsten Bibeltexten quer durch die beiden Testamente, ohne aber immer wörtlich zu zitieren.

Requiem aeternam
Den Beginn der Totenmesse, der den musikalischen Vertonungen auch den Namen gibt, macht allerdings ein Vers, der sich in christlichen Bibeln nicht findet: „Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis“ („Die ewige Ruhe gib ihnen, Herr, und das ewige Licht leuchte ihnen“), stammt aus dem apokryphen Buch 4 Esra, das aber Hieronymus in seine lateinische Bibelübersetzung aufgenommen hat. Dort wird die Frage nach dem Geschick der Toten eingehend beleuchtet. In der Bibel ist ansonsten zwar häufig von „Ruhe“, weniger häufig von „ewigem Leben“, aber nie von „ewiger Ruhe“ oder „ewigem Licht“ die Rede.

Dies irae
Zwischen Introitus und den gewohnten Messteilen Gabenbereitung, Sanctus und Agnus Dei steht die große Sequenz „Dies irae“, (Tag des Zorns, Zef 1,15). Sie ist das Herzstück der Requiem-Vertonungen. Der „Tag des HERRN“, der Tag des (endzeitlichen) Gerichts, wird in all seiner Dramatik besungen. 

In der Bibel ist er vor allem in prophetischen Texten zu finden. Die Rede vom Tag des HERRN dient als Mahnung für jene, die sorg- und verantwortungslos soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung praktizieren. Für die „Gerechten“, die in Not sind, ist er ein Hoffnungszeichen und eine Verheißung. Es ist jener Tag, an dem Gott seine gerechte Ordnung durchsetzen und die übermächtigen Feinde besiegen wird. Dementsprechend halten sich furchterregende und hoffnungsvolle Momente die Waage.

In der Sequenz des Requiems wird über diesen Tag aus der Ich-Perspektive gesprochen. Das Ich erwartet den Tag mit großer Furcht und schildert ihn als Schreckenstag. Gleichzeitig richtet sich sein Gebet flehentlich an Christus. Seine Fürbitte, so die Hoffnung, wird aus den befürchteten Höllenqualen retten und in die himmlischen Freuden führen. 

Giuseppe Verdi verstärkt in seiner Komposition die Emotionen noch mehr. Das geschieht einerseits durch die äußerst dramatische Ausgestaltung des Dies irae. Der große Chor mit vollem Orchester schreit sich gewissermaßen die Angst aus der Seele. Furcht und Zittern vor dem aufgeschlagenen Buch dagegen besingt eine Solistin, gewissermaßen alleingelassen in ihrer Not. 

Andererseits erreicht Verdi auch am Ende des Werkes noch einmal einen dramatischen Höhepunkt: Er beendet das Werk nicht mit dem Kommunionvers und seiner Bitte nach dem ewigen Leben und dem ewigen Licht für den Verstorbenen, sondern mit dem Responsorium: Dort geht es nicht darum, ob der Verstorbene die ewige Ruhe findet, sondern um die geradezu panische Angst des noch lebenden Ichs vor der Hölle. „Rette mich“, stößt das Sopransolo in höchster Aufregung hervor, und bringt so noch einmal den Schreckenstag zur Sprache. 

Es waren möglicherweise emotionale Vertonungen wie diese, die mit dazu beitrugen, dass das II. Vatikanische Konzil das Dies irae aus der katholischen Totenmesse strich: Ein solchermaßen furchterregendes Gottesbild erschien den Konzilsvätern nicht mehr zeitgemäß. Der Begeisterung für das gelungene Werk tut das aber keinen Abbruch. 


Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks. www.bibelwerk.at


 

Radiotipp

Musica Sacra
Sonntag, 24. Jänner, 19.00 Uhr

Giuseppe Verdi: Requiem
Erika Grimaldi, Sopran
Daniel Barcellona, Mezzosopran
Francesco Meli, Tenor
Michele Pertusi, Bass
London Symphony Chorus and Orchestra
Gianandrea Noseda, Dirigent
Live, Barbican Centre London, September 2016