• Magazin
  • Oper Frankfurt
  • Mai / Juni 2026
  • S. 16-17

Begeisterungsfähig

Manuel Pujol, Chordirektor

Text: Konrad Kuhn

In: Magazin, Mai / Juni 2026, Oper Frankfurt, S. 16-17 [Publikumszeitschrift]

Die Oper Frankfurt hat einen neuen Chordirektor! Manuel Pujol hat einen spanischen Vater – genauer gesagt: einen katalanischen. Die Mutter ist Deutsche, geboren und aufgewachsen ist er in Mainz. Und lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in Frankfurt. Gearbeitet hat er in seiner Heimatstadt allerdings erst einmal: In Vertretung des langjährigen Chordirektors Tilman Michael übernahm er in der vergangenen Spielzeit als Gast die Einstudierung des Chores in der Neuinszenierung der Verdi-Oper Macbeth, die auch in dieser Saison wieder auf dem Spielplan steht. Was er damals noch nicht wissen konnte: Tilman Michael entschied sich dauerhaft für die zunächst nur interimistisch übernommene Position des Chordirektors der Metropolitan Opera in New York, so dass die Stelle an der Oper Frankfurt neu zu besetzen war. Nach der positiven Erfahrung bei Macbeth war schnell klar: Manuel Pujol ist der »Neue«. Aber zunächst musste an der Staatsoper Stuttgart ein Ersatz gefunden werden, so dass Manuel Pujol erst zum April 2026 sein Amt antreten konnte – und das ständige Pendeln zwischen Stuttgart und Frankfurt ein Ende hat. Seine erste Neuproduktion war im April Turandot, mit dem eigens für die Frankfurter Neuinszenierung von Andrea Breth entstandenen Chor-Vorspiel »Io tacerò«, komponiert von der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti. Als letzte Premiere dieser Spielzeit im Opernhaus ist er nun auch für Rossinis Tancredi verantwortlich.

Ein großer Vorteil: Manuel Pujol kennt den Frankfurter GMD Thomas Guggeis aus dessen Zeit als Kapellmeister an der Staatsoper Stuttgart, wo er bereits vertrauensvoll mit ihm zusammengearbeitet hat. So hat er in den letzten Monaten die nächsten Spielzeiten vorbereitet – zusammen mit Intendant Bernd Loebe, dem GMD und dem scheidenden Chordirektor Álvaro Corral Matute, der die laufende Saison bis zum Amtsantritt von Manuel Pujol verantwortet hat und ab der neuen Saison zur Norske Opera in Oslo wechselt. Zu Pujols Highlights in Stuttgart gehörte eine Aufführung der Oper Saint François d’Assise von Olivier Messiaen. Das Besondere daran, neben dem hohen Schwierigkeitsgrad gerade der Chorpartie: Die Aufführung begann und endete im Opernhaus; dazwischen begab sich das Publikum in Grüppchen per U-Bahn auf eine »Pilgerreise« zum Naturpark Killesberg auf der anderen Seite Stuttgarts, wo man über MP3-Player die vierte Szene hören konnte, und anschließend in die dortige kleine Arena, wo unter freiem Himmel die Szenen »Der musizierende Engel« und »Die Vogelpredigt« aufgeführt wurden. In der Erinnerung an diesen Vorstoß in den Stadtraum im Rahmen einer Opernaufführung und an Messiaens großartiges Werk bekommt Manuel Pujol immer noch leuchtende Augen.

Überhaupt ist ihm die Begeisterung für die Arbeit mit dem Chor anzumerken. Wobei er zunächst zweigleisig gefahren ist und neben der Ausbildung zum Chorleiter auch ein Orchesterdirigierstudium an der Dresdener Musikhochschule abgeschlossen hat. Seinem dortigen Lehrer Prof. Ekkehard Klemm ist er bis heute verbunden. Parallel studierte er bei Prof. Hans-Christoph Rademann Chordirigieren. Von 2010 bis 2014 war er Stipendiat im Dirigentenforum und gewann 2014 den 1. Deutschen Chordirigentenpreis. Während dieser Zeit konzertierte er neben dem RIAS Kammerchor auch mit den Rundfunkchören des NDR und des MDR Leipzig. Noch davor trat er 2009 seine erste Stelle als Chordirektor und Kapellmeister am Theater Görlitz-Zittau an, wo er auch zahlreiche Aufführungen dirigierte.

Erste »Ost-Erfahrung« hatte er schon als Schüler gesammelt: mit 14 Jahren ging er aufs Internat Schulpforta, der berühmten ehemaligen Fürstenschule im Saaletal in Sachsen-Anhalt, wo schon Fichte, Klopstock und Nietzsche zur Schule gegangen waren. Eher zufällig entschied er sich dort für den musischen Zweig, in der Erinnerung daran, wie er als Kind einmal beim Mozart-Requiem mitgesungen hatte. An das erste Erlebnis einer Opernaufführung kann er sich noch genau erinnern: Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss in der Inszenierung von Christoph Nel an der Oper Frankfurt, dirigiert von Sebastian Weigle – eine prägende Erfahrung. So schließt sich der Kreis.

Neben dem Engagement in Görlitz absolvierte er noch ein Aufbaustudium an der Musikhochschule in Weimar, bevor es 2015 an die Oper Dortmund ging, damals unter der Intendanz von Jens-Daniel Herzog, der in der vergangenen Spielzeit mit Henzes Prinz von Homburg auch in Frankfurt ein weiteres Mal Regie geführt hat. So lernte er ein breites Repertoire kennen, inklusive Musical und Operette, aber auch Zeitgenössisches bis hin zu Uraufführungen. Gerade der vielfältige Spielplan der Oper Frankfurt mit seinen vielen Wiederentdeckungen und Ausgrabungen hat es ihm angetan. So will er sich nicht auf einen Lieblingskomponisten festlegen – mit Ausnahme vielleicht von Johann Sebastian Bach, ein Fixpunkt in seiner Arbeit; aber der hat leider keine Oper komponiert …

2018 folgte der Ruf an die Staatsoper Stuttgart, wo seine Arbeit als Chordirektor 2019 und 2020 gleich zweimal zur Auszeichnung als »Chor des Jahres« in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt beitrug. Eine Auszeichnung, die 2022, 2023 und 2024 dreimal in Folge dem Chor der Oper Frankfurt zu gesprochen wurde. Wobei die hohe musikalische Qualität das eine, die Spielfreude und die szenische Präsenz das andere ist. Was nicht immer leicht in Einklang zu bringen ist. Als Ideal formuliert Manuel Pujol: »Wenn die Chorsänger*innen, denen einerseits hohe Flexibilität abverlangt wird, anderer seits vom Repertoire über die musikalische Gestaltung bis hin zu Kostüm, Maske und Regie vieles engmaschig vorgegeben wird, am Abend trotzdem ihre individuelle Stärke frei entfalten können, zeigt sich, wie gut ein Chor ist. Als Chordirektor misst sich meine Arbeit auch daran, dass der Chor genau diese Flexibilität und Freude am Musizieren Abend für Abend ver lässlich auf der Bühne zeigen kann.« In diesem Sinne freuen wir uns auf die kommenden Aufführungen mit unserem neuen Chordirektor – herzlich willkommen in Frankfurt!