• Magazin
  • Oper Frankfurt
  • Saison 2014/2015, Januar-Februar
  • S. 31

Sara Jakubiak

»Treffen, laufen, punkten!«

Text: Steffi Mieszkowski

In: Magazin, Saison 2014/2015, Januar-Februar, Oper Frankfurt, S. 31 [Publikumszeitschrift]

Mit der Partie der Alice in Giuseppe Verdis Falstaff gab die amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak diesen Herbst ihr Debüt als neues Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt; an einem Opernhaus, das ganz oben auf ihrer Wunschliste stand, als sie mit ihrem Agenten Zukunftspläne zu schmieden begann. »Sogar zwei meiner Gesangslehrer waren in den siebziger Jahren hier in Frankfurt fest engagiert.« In ihrer Anfangszeit als Studentin war der Gedanke, selber auf der Opernbühne zu stehen, aufgrund ihrer Schüchternheit zunächst nahezu unvorstellbar; Gesangsstunden nahm sie nur zum Spaß. Hingegen durch die Lande zu reisen und sich unter Beweis zu stellen, war der Amerikanerin aus ihrer Kindheit bestens vertraut: In ihrer Baseball-Mannschaft war Sara Jakubiak »Catcherin«, auf die Bälle mit über 90 km/h zurasten. Ihr Team wurde sogar Landesmeister. »Eine Zukunft als Sportlerin wäre im Grunde genommen naheliegender gewesen«, lacht sie. Ein Dozent hatte ihr damals zum Wechsel an das Cleveland Institute of Music geraten, was ihr schließlich die Rolle der Blanche in einer Aufführung von Dialoge der Karmeliterinnen einbrachte. Seit dem Tag dieser Premiere war ihr klar: »Das und nichts anderes möchte ich machen!« Es folgte ein Aufbau- und Rollenstudium an der Yale University und mit dem Oktett aus Capriccio, das sie in dieser Zeit mit ihren Kommilitonen einstudierte, begann ihre Liebe zu Richard Strauss. In Frankfurt wurde dieser Neigung mit ihrem Debüt als Primadonna/Ariadne in Ariadne auf Naxos im Dezember entsprochen. 

Zu ihren erklärten Lieblingsrollen gehört zuallererst die Marie aus Alban Bergs Wozzeck, die sie bereits an der ENO London gesungen und auf die sie sich intensiv vorbereitet hatte: »Ich habe Georg Büchners Drama verschlungen und mehrere Male gelesen. Es wäre ein großes Geschenk, wenn ich diese Figur in jeweils unterschiedlichen Lebensphasen interpretieren dürfte. Meiner Ansicht nach wollte uns Büchner demonstrieren, dass jeder Mensch zu fürchterlichen Dingen in der Lage ist. Es ist ein Experiment mit der menschlichen Psyche.« Die Tatsache, dass die Distanz zur Rolle erstrebenswert – wenn auch nicht immer umsetzbar – ist, erfuhr sie im Zuge der Proben von Leonard Bernsteins A quiet place an der New York City Opera (Regie: Christopher Alden). Das Stück handelt von einer Familie, die sich anlässlich der Beerdigung der Mutter wieder im Elternhaus einfindet. »Ich habe Dede, die Tochter, gesungen. Es ist unbestritten ein großartiges Werk, aber selbst nach der Dernière ging es mir für einen weiteren Monat nicht gut.«

Mit Marta in Mieczysław Weinbergs Die Passagierin wartet eine weitere anspruchsvolle Aufgabe auf die Amerikanerin mit deutsch-polnischen Wurzeln. »Martas aus der KZ-Zeit herrührende Traumata nachzuempfinden ist unmöglich. Gott sei Dank bin ich nie in einer vergleichbaren Situation gewesen.« Gleichwohl wurde ihr im letzten Sommer bewusst, was es bedeutet, um sein Leben fürchten zu müssen. Im Juli 2014 sprang sie kurzfristig in Tel Aviv als Rosalinde in Die Fledermaus von Johann Strauß ein. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Zubin Mehta. In der zweiten Probenwoche begannen die Bombenangriffe. Die Sicherheit der Bevölkerung Tel Avivs soll das Raketenabwehrsystem für Kurzstreckenraketen garantieren; dessen Bezeichnung »Iron Dome« suggeriert ein Schutzschild im übertragenen Sinn. Abreisen kam für die Sopranistin allerdings nicht in Frage, wenngleich die Bedrohung durch das tägliche Bombardement die sonstige leichte Nervosität vor der Vorstellung relativierte. »Es war bizarr: Musikalisch habe ich mich noch nie so aufgehoben gefühlt, denn Zubin Mehta atmet mit uns Sängern. Aber als mitten im Csárdás die Sirenen zu heulen begannen, blieb mir das Herz für einen Moment stehen.« Nichtsdestoweniger waren die Fledermaus-Vorstellungen ein Angebot an die Bevölkerung, die belastende Situation zumindest kurzzeitig zu verdrängen. In der Dernière wurde kurz vor dem Finale den gastierenden Künstlern für ihr Kommen und Ausharren explizit der Dank ausgesprochen. Im Anschluss daran ergriff Zubin Mehta das Mikrofon und erwiderte: »Die Musik ist unser Schutzschild!« Für diese Erfahrung ist sie im Nachhinein trotz allem dankbar: »Jenem Engagement verdanke ich vermutlich eines der kostbarsten Erlebnisse meines Lebens.«

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