Landestheater Neustrelitz
Lautstärke-Rekord für wunderbare Märchenoper
Zum Jubiläum „250 Jahre Theater auf der Seenplatte“ erklingt «Königskinder» des in Neustrelitz verstorbenen Engelbert Humperdinck
Roland H. Dippel • 01. Februar 2026
Der Mob ist los in Hellastadt und bei den Bürgern „in ihrer gemästeten Freiheit“. Zu den von Engelbert Humperdinck mit «Parsifal»-Volldröhnung gesetzten Glockenschlägen reißen die Tore weit auf. Die Massen (Chor: Joseph Feigl) mitsamt dem für diese Produktion gegründeten KönigsKINDERchor (Leitung: Johannes Groh) stehen gespannt. Und gewaltbereit. Sie erwarten nach erhaltener Prophezeiung den als starken Mann ersehnten König mit Kutsche und prächtigen Kleidern – aber es kommt die Gänsemagd. Ihr sinkt der unrechtlich als Zechpreller angeklagte Königssohn im Bettlergewand zu Füßen. Klar: Die beiden werden verjagt, die Hexe verbrannt und der vermittelnde Spielmann zum Krüppel geschlagen. Die Königskinder erfrieren in einer der ergreifendsten Duoszenen zwischen Wagner und Korngold jämmerlich im Wald. Die Dichtung zum von Humperdinck zuerst als gesprochenes Melodram mit Riesenorchester 1897 für München vertonten Kunstmärchen ist auch heute beklemmend gegenwartsnah. Die Frage nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, die erbarmungslose Ausgrenzung von Bedürftigen wegen Habgier und die Sehnsucht nach utopischer Harmonie – alles drin!
Nach langer Funkstille seit dem Zweiten Weltkrieg ist die „wertvollste Oper seit Wagner“, wie man zur Uraufführung an der New Yorker Met 1910 schwärmte, zum Glück wieder häufiger zu hören. Den Königssohn sangen zum Beispiel Jonas Kaufmann und Klaus Florian Vogt, die Gänsemagd Dagmar Schellenberger und Juliane Banse. Die Harmonien des von Humperdinck erlesen und üppig orchestrierten Werks zerfallen am Ende wie in Antonín Dvořáks «Rusalka» oder Arnold Schönbergs «Gurre-Lieder» aus glanzvoller in schmerzliche Schönheit. Nur die Kinder und der lebensweise Spielmann trauern über das Schwinden des Wahren, Guten, Schönen. Das wirkte auch an kleinen Häusern wie Hildesheim, Plauen und Zwickau.
Die dieses Jahr „250 Jahre Theater für die Seenplatte“ feiernde Kultureinrichtung Theater Orchester Neubrandenburg / Neustrelitz kann sich unter den gegenwärtigen Sparauflagen gerade mal so in die kommende Spielzeit 2026/27 aufstellen, ist aber trotz der Haupteinnahme durch die Sommeroperette im Neustrelitzer Schlossgarten unterfinanziert. Das machen die Sparten durch einen spannenden Spielplan wett, der mit humanen Botschaften gegen Spaltungen und soziale Erosion wirken will. Erste Musiktheater-Premiere war Mozarts Humanitätsappell «Die Entführung aus dem Serail». Ab Mitte Februar präsentiert die Sopranistin Laura Scherwitzl – in «Königskinder» gestaltet sie anrührend die blinde Tochter des Besenbinders – eine Monolog-Revue «Eine Nacht voller Seligkeit?» mit der im „Dritten Reich“ von den Nationalsozialisten als Csárdás-Vulkan vergötterten Marika Rökk. Ab 23. Mai feiert man mit einer großen spartenübergreifenden Produktion Vergangenheit und Gegenwart des in der Bevölkerung einen großen Rückhalt genießenden Mecklenburger Theaterjuwels. Auch «Königskinder» nach dem zutiefst pessimistischen Bühnen-Kunstmärchen der jüdischen Literatin Elsa Bernstein ist ein Humanitätsappell mit entscheidendem Regionalbezug. Der «Hänsel und Gretel»-Komponist starb 1921 in Neustrelitz, als sein Sohn Wolfram dort inszenierte. Deshalb versteht man sich als Humperdinck-Stadt. Dessen «Dornröschen» wurde dort während der Pandemie ein Riesenerfolg, an den man mit «Königskinder» anknüpft. Es ist äußerst schade, das das Regiekonzept mit einer ganzen Reihe von Fragezeichen entscheidende Wesenszüge des Werkes ignoriert.
Trotz solcher szenischer Fragwürdigkeit reihen sich die Solisten, darunter die vollwertigen Besetzungen aus dem Chor, in die hochrangige Reihe jüngerer Besetzungen ein. Laura Albert behauptet sich als Gänsemagd mit flutenden Bögen – mehr «Lohengrin»-Elsa als Humperdinck-Gretel – in den von Kenichiro Kojima hemmungslos gegen die Hauptpartien entfesselten Klangmassen. Alexander Geller ist ein im Sterben und Leiden eindrucksvoll singender Königssohn, dem man die vielen wichtigen Rezitativ-Stellen durch vollauf unnötigen Lautstärken-Druck erschwert. Beide könnten es sich wie Robert Merwald als reifer Spielmann weitaus leichter und ungefährdeter einrichten. Merwald weiß, wie man mit klarer Diktion ohne Druck optimal durch Humperdincks dichte Instrumentation kommt und die Orchesterwellen gerne mal zum Selbstschutz über den als Surfbrett betrachtbaren Stimmeinsatz hinweg schwappen dürfen. Das steigert die Wirkung von Werk und Wiedergabe sogar. Solche Humperdinck-Affinität beweisen neben Merwald auch Sina Dollinger beim von der Regie verschenkten #MeToo-Übergriff der Wirtstochter auf den Königssohn und Andrés Felipe Orozco als zur Kostümkarikatur verkleinerter Besenbinder. Ryszard Kalus gibt einen unauffäligen Holzhacker. Notgedrungen reduziert Natalie Jurk die zwischen Helikopter-Mutter und Übergriffigkeit mehrschichtig packende Partie der Hexe auf's wagnernde Mezzoheroinen-Einerlei.
Was war geschehen? Lars Scheibner eliminierte mit dem bei seinem Operndebüt auf Scheinwerfer-Brücke, LED und Ortsunabhängigkeit fokussierten Ausstatter Robert Pflanz alle Bezüge zwischen den Rahmenakten mit Wald, Hütte, Linde. Beide wollten das im bunten, aber monokulturellen Fundus-Ramsch unkenntlich gemachte Fantasiemittelalter, aber bloß keinen dekorativen Waldrausch. Räume und Lichteffekte (Marcus Doering) wurden nicht definiert, geschweige erklärt. Für das nie gezeigte Hexenhaus in äußerster Erklärungsnot plötzlich ein Plastikzelt her. Analogien zwischen dem grünrot statt mit Sommergold gefluteten Wald zum eisigen Sterben der Natur und der Königskinder werden in einer pauschal dystopischen Dunkelkammer häßlich, aber nicht plausibel. Das kunstmärchenhafte Vexierspiel von Bernsteins Text und Symbolik, Humperdincks Musik mit ihrem hochsensiblen Doppelsinn blieb dem Publikum vorenthalten. Auch blieb die dramatisch-musikalische Zersetzung und Auflösung infolge mangelhafter Textverständlichkeit an wichtigen Stellen matt. Humperdincks meisterhafte Feinarbeit wuchs dagegen zu hartnäckig energischer und deshalb blinder Wucht. Die Neubrandenburger Philharmonie spielte auf, als ginge es um ein Hallenstadion und nicht um das 500-Plätze-Landestheater. Die Suche nach dem Liedhaften, schmerzlich Schönen blieb am Premierenabend demzufolge ergebnislos. Dabei sind die Möglichkeiten des kleinen Hauses offensichtlich. Im Falle «Königskinder» hätten Transparenz und ein sensibles Miteinander des durchaus zu feineren Instrumentalaufgaben befähigten Orchester zum beachtlichen Ensemble gut getan. Die wunderschöne Partitur von Wagners «Parsifal»-Assistent erfordert Samtpfoten mehr noch als Bärenkräfte. Vielleicht findet man die noch zu den nächsten Vorstellungen. Dann wäre das Humperdinck-Glück auch in Neustrelitz vollkommen.
«Königskinder» – Engelbert Humperdinck
Theater und Orchester Neubrandenburg / Neustrelitz · Landestheater Neustrelitz
Kritik der Premiere am 31. Januar
Termine: 13. Februar; 21. März; 19. April; 3. Mai