Mozartwoche Salzburg

Angeraute Klassik und spannende Seitenpfade

Musik, Marionetten, Meisterschaft und Melancholie – Abschied der Cappella Andrea Barca bei der der 70. Mozartwoche

Roland H. Dippel • 27. Januar 2026

Bewegender Abschied der Cappella Andrea Barca mit Sir András Schiff © Wolfgang Lienbacher

Auf Altes und Neues reagierte das Publikum in den ersten Tagen der 70. Salzburger Mozartwoche vom 22. Januar bis zum 1. Februar mit nachhaltig offenherziger Begeisterung. Unter dem diesjährigen Motto „Lux Aeterna“ wirkt es so, als ob die Enthusiasten vor allem aus der Stadt und der Region kommen, dazu eine gar nicht so kleine Schar von treuen Fans des Leiters Rolando Villazón aus München und Oberbayern. Es gab so viele gleichzeitige Veranstaltungen, dass man nicht alles erleben konnte. Villazón koordiniert rasante Debüts und innig beklagte Abschiede. Auf die Uraufführung des in Salzburg aufgewachsenen Kompositiondurchstarters Karim Zech folgte nach 26 Jahren glanzvoller Mozartwoche-Präsenz der Abschied der von Sir András Schiff mit gleichgesinnten Compagnons gegründeten Cappella Andrea Barca. Edler geht’s nicht, selbst wenn das erste Konzert der Wiener Philharmoniker mit Werken aus den klassisch-romantischen Kernkompetenzen vielleicht stärker umjubelt wurde als angemessen. María Dueñas' Vortrag von Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 war technisch ohne Fehl und Tadel, hielt sich aber weitgehend fern von der möglichen emotionalen Textur dieses Prachtparts. Später leisteten sich die Streicher unter der US-amerikanischen Dirigentin Karina Canellakis einige verwischende Flüchtigkeiten. Möglicherweise wirkte dieser Eindruck auch deshalb so stark, weil die Klang-Visitenkarte des weltweit bewunderten Vorzeigeorchesters angesichts der Griffe von Spezialensembles nach dessen Basisrepertoire inzwischen mitunter selbst historisch anmutet. Dagegen wollte Canellakis nichts ausrichten, lieferte dafür überraschungsfreie Edelkonfektion. Beethovens Zweite geriet zur wertvoll kolorierten Selbstverständlichkeit. Ausgerechnet in der Ouvertüre aus «Idomeneo, re di Creta» dominierte Brillanz vor dem Drama, wurde die Verschmelzung italienischer und französischer Stilelemente in Mozarts genialer Opera seria kaum sinnfällig.

Demzufolge lagen Welten zwischen dem auch als gesellschaftlichen Höhepunkt gefeierten Philharmoniker-Konzert im Großen Festspielhaus und der «Don Giovanni»-Ouvertüre der Cappella Andrea Barca im Mozarteum. Schon die ruppig-sonoren Pizzicati exponieren ein scharf wie unbestechlich stilsicheres Drama. Wenn der unanfechtbar souveräne Sir András Schiff bei einer langsamen Armbewegung ins Leere zu blicken scheint, eröffnet sich Mozarts Genieraum mit sinnfälliger Härte, aber auch der seit E.T.A. Hoffmann vergötterten Tiefgründigkeit. Haydns „Abschiedssinfonie“ bot sich zu dieser bereits im Vorfeld hymnisch gefeierten Dernière des Orchesters an. Das d-Moll-Klavierkonzert KV 466 folgte ohne Zäsur dem von Schiff mit strenger Geste abgewürgten Applaus für die ebenfalls in d-Moll notierte «Don Giovanni»-Ouvertüre. In seiner Kadenz des Finalsatzes griff Schiff motivisches «Giovanni»-Material auf und akzentuierte so mit innerer Kohärenz die verkappte Opernhaftigkeit von Mozarts Solokonzerten. Dieses Konzert finalisierte 26 Jahre intelligente Programmdramaturgie und scharfen Musiziergeist seit dem Mozartwoche-Debüt der Cappella Andrea Barca am 30. Januar 1999. Das Publikum zeigte affektive Bewegung und melancholische Rührung. Im Künstlertalk mit Villazón nannte Schiff vier essenzielle Faktoren für diese künstlerische Erfüllung: Freundschaft, Fleiß schon vor dem Probenbeginn, Erfahrung und Selbstkritik.

Kompositorischer Durchbruch: Karim Zech mit seinem Piano-Partner Johann Zhao © Wolfgang Lienbacher

Dem Feuer für die Tradition eilte am Samstagnachmittag im Rittersaal der Residenz ein jugendlicher Feuersturm direkt aus der Gegenwart voraus. Der Begeisterungssturm dafür lässt Zweifel am so oft behaupteten Konservatismus des Salzburger Publikums aufkommen. Selbst wenn es niemand offen ausspricht: Der 2004 hier geborene und seit dem Alter von 12 Jahren komponierende Karim Zech wird zwischen Felsenreitschule und Mirabellplatz gehyped, als sei er das neueste Salzburger Wunderkind. Vor der Uraufführung von Zechs Konzert zu vier Händen und Ensemble begrüßte Mozarteum-Forschungsleiter Ulrich Leisinger den Komponisten und dessen Virtuosenpartner Johann Zhao wie alte Bekannte. Das Orquesta Iberacademy Medellín stürzte sich mit Vehemenz und affektiver Hitze in das rasant rastlose, vehemente, stimmenreiche und mit immensen Kreativitätsfeuer durchfegte Opus. Zech entfesselt einen gar nicht mozarthaften Flächenbrand, setzt gegen dessen satztechnische Ökonomie ein Stimmgeflecht von der Power eines auffrisierten Mopedmotors mit erstklassigen Ökowerten. Sein Opus macht Spaß, hält die Spannungsenergie und damit die Lust am Zuhören. Álvaro Rodrigo Julca Paitan hatte am Pult viel zu steuern – und bei der Verve aller Agierenden mitunter etwas auszubremsen. Vorausgingen einige Mozart-Kompositionen mit Bezug zum Konzertort: Von Leisinger rekonstruierte Stücke nach der Azione «Il re pastore» KV 208, die auch ein Plädoyer für das nicht sonderlich häufig gespielte Opus waren, und das „Nannerl-Septett“ KV 251.

Musiktheater in der heute ungewöhnlichen Passform eines Mozart-Pasticcios gab es im Marionettentheater. Der österreichische Tenor ist als rauer Manostatos in der Mozartwoche-«Zauberflöte» oder als Wenzel Strapinski in Zemlinskys «Kleider machen Leute» in Cottbus ein intelligenter wie gewinnender Sängerdarsteller. Hier präsentiert er sich als künstlerischer Gesamtleiter des vom Arrangeur Tscho Theissing, dem Dramaturgen Philippe Brunner, dem Puppenbauer Vladimir Fediakov, dem Ensemble und Studierenden der Musikuniversität mit Volleinsatz und Herzblut erarbeiteten Stück «Der alte Baum».

«Der alte Baum»: Klima-Aktivismus gegen Bauspekulation – Franzi und Moo greifen ein © Bernhard Müller

Eine Paraphrase und idyllische Exaltation über den allseits beklagten, überall dabei munter wie zielstrebig weiterbetriebenen Naturabbau: Alte Bäume fallen für renditestarke Wohnkolosse. Gegen die besorgten bis pragmatischen Bedenken ihres Vaters Figuro wollen Franzi und der Klimaaktivist Moo das verhindern. Vom letzten lebenden Baum erhalten sie Setzlinge zur Rettung der Welt, wobei Arboro mit deren Spende sein eigenes Absterben selbstbestimmt in Kauf nimmt. Singende und Musizierende agieren das mit luxuriöser Gutherzigkeit gespickte Opus stark und souverän aus. Was auf der Bühne zu sehen ist, gerät zu üppigem Ausstattungstheater und wortgewandter Anti-Apokalypse. Schweinester lässt Pathos und Opulenz zu, und Besetzung wie Equipment setzen ein Plädoyer mit bewundernswerter Fülle der Mittel. Das ist alles ein bisschen zu schön, zu aufgesetzt und zu edelsinnig, um wirklich wahr zu sein. Passt deshalb auch bestens in das Salzburger Wintermärchen dieses ersten Mozartwoche-Blocks, ist ein bisschen wie Richtung Fasching verlängerte Weihnachtsbotschaft. Dem Aplomb applaudiert man zwar einmütig, glaubt ihm aber nicht ganz. Trotzdem: Mit welcher Power bei der 70. Mozartwoche musiziert wird und mit welcher Begeisterung das Musizieren einhellig gefeiert wird, gerät zum vorbildlichen Leuchten in der Zeit echter globaler Krisen und wie im Nachbarland Deutschland allzu drastisch beschworener Kulturkrisen.


Die Mozartwoche 2026 läuft noch bis zum 1. Februar // https://mozarteum.at/mozartwoche