Palazzetto Bru Zane / Müpa Budapest
Unerhört französisch in Ungarn
Eine konzertante Aufführung der Delibes-Rarität «Jean de Nivelle» verführt in die Untiefen vergessener Opernromantik
Jens F. Laurson • 16. Januar 2026
Seit gut 16 Jahren kümmert sich die Stiftung Palazzetto Bru Zane um die Wiederentdeckung vergessener französischer Musik des „langen“ 19. Jahrhunderts (gemeint ist damit in der Regel die Zeitspanne von 1789 bis 1914). Insbesondere im Bereich der Oper werden seltene, unbekannte, andersartige Werke ausgegraben. In den Genuss solcher Entdeckungen kommt man unter anderem in Budapest, wo die Ungarische Nationalphilharmonie unter György Vashegyi nach Aufführungen und Aufnahmen von Ambroise Thomas‘ «Psyché», Edouard Lalos «Le roi d’Ys», Cherubinis «Les Abencérages», «Phèdre» von Jean-Baptiste Lemoyne und Massenets «Werther» (in der Bariton-Fassung), nun schon zum sechsten Mal als Kooperationspartner in Erscheinung getreten ist. Zu bestaunen gab es diesmal «Jean de Nivelle», die erste ‚große‘ Oper von dem für seine Ballettmusik und «Lakmé» bekannten Léo Delibes.
Delibes schrieb seinen «Jean de Nivelle» für die Opéra-Comique, an die er 1873 quasi als Hauskomponist gewechselt war, nachdem er zuvor meist für Jacques Offenbachs Théâtre des Bouffes-Parisiens geschrieben hatte. Die laut einer zeitgenössischen Kritik „beste Oper seit Bizets ‚Carmen‘” brachte es auf über 100 Aufführungen, u.a. in Brüssel, St. Petersburg, Wien, Budapest und Stockholm, wo auch die von Delibes auskomponierten und nun wieder integrierten Rezitative gefunden wurden. Nach einer letzten Wiederaufnahme 1908 war aber Schluss – bis eben jetzt, Mittwochabend, im Müpa, dem Kulturpalast in Budapest.
Musikalisch war es eine Wucht, und doch überraschte es nicht, dass die Oper über ein Jahrhundert lang in der Versenkung verschwunden war. Da wäre nämlich, vielleicht hauptsächlich, das ungewöhnliche Sujet: Delibes macht aus Jean de Nivelle, dem Wendehals und Nationalfeigling Frankreichs aus der Zeit der Adelsrevolte kurz nach Beendigung des Hundertjährigen Kriegs gegen England, einen verkappten Helden, verbindet privates Drama mit historischem und verpasst dem Ganzen ein Happy End. In dieser Kombination erinnert «Jean» entfernt an Walter Braunfels‘ «Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna», worin diese Kombination zu ähnlichem Thema allerdings hervorragend gelingt.
Das kann man vom Libretto von Edmond Gondinet und Philippe Gille nicht behaupten. Wer warum wem auf die Schliche kommen will ist nicht immer klar, und im ersten Akt wird wiederholt ein Charakter erwähnt, der dann weder auftritt noch eine dramatische Rolle spielt: «Jean» macht es einem nicht leicht. Wer die ungarischen Übertitel nicht lesen kann und den französischen Text nicht versteht, der ist aufgeschmissen. Ein Libretto auf Englisch oder gar nur eine Inhaltsangabe gab es leider nicht. Willkommen im Zeitalter der Papierlosigkeit an vielen Häusern!
Bleibt die Musik der seriösen halbkomischen Oper: Mit unschuldiger Süße und freundlicher, oft federnder Leichtigkeit kommt sie daher, und mit einem melodischen Einfallsreichtum, den man aus Delibes drei bekannten Werken kennt. Bei allem Ernst der Oper oder äußerlicher Nähe zu Meyerbeer kommt einem musikalisch am ehesten Offenbach in den Sinn. Die großen Chöre beeindrucken und erinnern einen, dass Wagner seine Spuren in der Oper der Zeit auch in Frankreich hinterlassen hatte. Der ganz große Ohrwurm mag bei alledem ausbleiben, aber im Alraunen-Duett zwischen Protagonistin Arlette (Mélissa Petit) und Antagonistin Simone (Marie-Andrée Bouchard-Lesieur) hört man schon den Vorläufer des Blumenduetts aus «Lakmé».
Berauschend die gesanglichen Leistungen, insbesondere der Damen: Neben Mélissa Petits verspielten, durch alle Lagen und dynamischen Bandbreiten quirlenden Sopran und dem dramatischen, mit natürlichem Durchsetzungsvermögen ausgestattetem Mezzo von Marie-Andrée Bouchard-Lesieur beeindruckte die hell, äußerst filigran, nicht schneidend und trotzdem stark singende Juliette Mey als Knappe Isolin, die mit zehn Tagen Vorlauf auch noch die Rolle der Diane übernehmen und aufnehmen musste. François Rougier präsentierte seinen Part des Melicorne mit so viel humorvollen Charakter, dass man auch ohne Inhaltshilfe von der ersten Note den komödiantischen Charakter erkannte. Und Cyrille Dubois war als Titelantiheldentenor quintessentiell französisch: Nasal, mit leichtem Pressluftvibrato – dafür auch mit buttrigen lyrischen Passagen und angenehm in den edel in Piano und gar Pianissimo gehaltenen Höhen. Tassis Christoyannis, ein Veteran aus Bru-Zane-Produktionen, gab den Comte de Charolais mit flexibel, baritonaler Noblesse. Echte Schwächen gab es im Ensemble keine. Das Orchester auf der Bühne spielte unter Vashegyi ausnehmend zurückhaltend und lebhaft, der Ungarische Nationalchor genoss idiomatisch-enthusiastisch seine vielen Einsätze. Die wie immer luxuriös verpackten CDs mit voluminösen regelrechten Begleitbüchern (aber in einem Hochkantformat, dass in kein CD-Regal dieser Welt passt) kommt gegen Jahresende heraus.
«Jean de Nivelle» – Léo Delibes
Palazzetto Bru Zane ∙ Müpa / Béla Bartók-Konzertsaal (Budapest)
Kritik des Konzerts am 14. Januar