Staatsoper Unter den Linden
Poetisch-düstere Seelenreise
Die Uraufführung von «Das kalte Herz» des Komponisten Matthias Pintscher offenbarte eine Oper der Zustände in einem Zwischenreich aus Realität, Traum und Mythos. Am stärksten waren die Sängerinnen und Sänger
Zenaida des Aubris • 13. Januar 2026
Die neue Oper «Das kalte Herz» von Matthias Pintscher mit einem Libretto von Daniel Arkadij Gerzenberg ist keine Nacherzählung des berühmten Kunstmärchens von Wilhelm Hauff aus dem Jahr 1827 – jenes im Geist des Biedermeier verfassten Textes, der als subtile Kritik an Frühindustrialisierung und entfesseltem Kapitalismus gelesen werden kann –, sondern dessen Verdichtung und Transformation in ein psychologisches Musiktheater der Gegenwart, das der existenziellen Frage nachgeht: „Was geschieht mit einem Menschen, der sich von seinen eigenen Gefühlen befreien möchte?“
Im Zentrum steht Peter, ein Mann, dessen Herz weniger als biologisches Organ denn als Ort von Verletzlichkeit, Erinnerung und Sehnsucht erscheint. Empfindung wird zur Zumutung, zur Last, zum Schmerz. Der Wunsch, dieses Herz zum Schweigen zu bringen, wird zum Motor der Handlung.
Die Oper entfaltet sich in einem Zwischenreich aus Realität, Traum und Mythos. Der Wald, bei Hauff noch märchenhafte Topographie, wird hier zur inneren Landschaft, zu einem psychischen Raum, in dem Stimmen, Erinnerungen, Projektionen und dunkle Mächte auftreten. Die Figuren erscheinen weniger als realistische Charaktere denn als Spiegelungen innerer Zustände.
Der berühmte Herztausch des Märchens wird nicht naturalistisch ausgespielt, sondern als symbolischer, ritueller Akt der Selbstentfremdung – vollzogen von Peters eigener Mutter, nachdem sie von der altägyptischen Gottheit Anubis und der alttestamentarisch konnotierten Gestalt Azael dazu angestiftet wird. Peter versucht, sich seines eigenen Innenlebens zu amputieren – und erlebt gerade dadurch die radikale Verarmung seiner Existenz. Je mehr er sich emotional entzieht, desto gespenstischer, leerer und isolierter wird seine Welt. Nähe zerbricht, Sprache verliert ihren Halt, Beziehungen lösen sich in Schatten auf.
Pintscher und Gerzenberg interessieren sich dabei weniger für Handlung als für Zustände – für Schwebezonen zwischen Begehren und Erstarrung, zwischen Erinnerung und Verlust, zwischen Klang und Stille. Das Drama entsteht nicht aus äußeren Ereignissen, sondern aus inneren Verschiebungen.
Am Ende steht keine einfache Erlösung im Märchensinn, sondern eine fragile, offene Bewegung zurück zur Empfindungsfähigkeit – die Ahnung, dass Menschlichkeit nur dort möglich ist, wo Verletzbarkeit zugelassen wird. «Das kalte Herz» wird so zu einer Oper über die Zumutung des Fühlens – und über die Gefahr, sich durch Selbstschutz selbst zu verlieren.
Regisseur James Darrah Black lässt die Figuren in zwölf eindrucksvollen, wenn auch rätselhaften Räumen von Adam Rigg auftreten, ergänzt durch die fantasievollen Kostüme von Molly Irelan. Nach dem ersten Bild mit Projektionen eines Waldes senken sich mindestens zwei Dutzend naturalistisch ausgestopfter, an Fleischerhaken aufgehängter Wölfe aus dem Schnürboden. Ist diese drastische Symbolik eine Anspielung auf das Diktum den englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679): „in the state of nature, man is a wolf to man“ – also: Im Naturzustand ist der Mensch dem Menschen ein Wolf? Diese Lesart würde sich jedenfalls schlüssig in die weiteren philosophischen Bezüge der Inszenierung einfügen.
Matthias Pintscher, der die Uraufführung selbst leitete, sagte, er habe „mit einem breiten Pinsel“ komponiert. Das Resultat ist eine Mischung aus akustischen Extremen: Streicher von horrorhafter Drastik, Wolfschluchtromantik, dazu feiner ausgearbeitete Anklänge an Wagner’sche Motivtechnik, akzentuiert durch ein reich besetztes Schlagzeug. Die Staatskapelle Berlin setzt diese vielschichtige Partitur mit großer Präzision und Präsenz um.
Am stärksten überzeugten die Sänger. Samuel Hasselhorn gestaltete Peter mit geschmeidigem Bariton als suchenden, zerrissenen Protagonisten, der sich bis zuletzt nicht sicher ist, ob er sich das Richtige gewünscht – oder erhalten – hat. Katarina Bradić beeindruckte als Mutter mit einem überzeugenden Mezzo, der die Ambivalenz der Figur zwischen Fürsorge und Schuld spürbar machte. Rosie Aldridge dominierte als Göttin Anubis mit herrischem, kraftvollem Mezzo die rituellen Szenen. Sunnyi Melles übernahm die Sprechrolle der Azaël: ein Wüstendämon, Sündenesser, eine Zwittergestalt, die bewusst alles andere als sympathisch wirkt. Gegen diese mythologischen Urkräfte bleibt Peters Freundin Clara – von Sophia Burgos mit kristallklarem Sopran gesungen – als Verkörperung von Nähe und Wärme letztlich chancenlos.
Nach 90 pausenlosen Minuten bleiben viele Fragen offen, vieles verlangt nach Deutung. Doch ob man die Zeit tatsächlich damit verbringen möchte, Antworten zu suchen? Der eher verhaltene Applaus des Premierenpublikums gab darauf seine eigene Antwort.
«Das kalte Herz» – Matthias Pintscher
Staatsoper Unter den Linden
Kritik der Uraufführung am 11. Januar 2026
Termine: 14./16./20./23. Januar