Medien

DVD-Tipp

Die Plage aus heutiger Sicht

Kobie van Rensburgs Opernfilm «The Plague» ist eines der außergewöhnlichsten Werke in dieser Pandemie

Stephan Burianek

26. Apr 2021

Die Theater sind zu, die Kirchen offen. Wer wohlhabend ist, der zieht sich auf seinen Zweitwohnsitz ins Grüne zurück. Aus Platzmangel stecken sich überdurchschnittlich viele Menschen aus den ärmeren Schichten an, die Kluft zwischen arm und reich wird größer. Es gibt Ausgangssperren und Gruppen, die öffentlich dagegen rebellieren. Ein zynischer Pöbel verhöhnt die Opfer.

Nein, im obigen Absatz ist ausnahmsweise nicht von der aktuellen Covid-19-Pandemie die Rede, auch wenn die Zustände, die Daniel Defoe in seiner fiktiven Erzählung „Die Pest zu London“ (Original: „A Journal of the Plague Year“) im Zusammenhang mit dem Seuchenjahr 1665 beschreibt, verblüffend viele Parallelen zur Gegenwart aufweisen. 

Inspiriert von Defoes Buch hatte der Opernregisseur Kobie van Rensburg während der langen Lockdown-Wochen die großartige Idee, diese Parallelen in dem einstündigen Opernfilm «The Plague» zu thematisieren, der noch bis zum 4. Juli über die Homepage des Theaters Krefeld-Mönchengladbach für € 10,- zu sehen und zum selben Preis (sogar inklusive Versand, zumindest in Deutschland!) ebendort als DVD zu kaufen ist. 

Obwohl er für dieses Pasticcio vorrangig aus den Werken Henry Purcells Gesangsstücke entnimmt, funktionieren diese hervorragend in ihrem neuen Kontext. Den Beginn macht die Frost-Szene aus «King Arthur». Die von Mitgliedern der Niederrheinischen Sinfoniker unter Yorgos Ziavras gespielten rhythmischen Akkorde wirken hier nicht mehr „eisig“, sondern werden angesichts der offenkundigen Bedrohung in ihr hitziges Gegenteil verkehrt. Wir sehen computeranimierte, sich an Apfelresten labende Mäuse unter einem Bett, darauf ein von Angst gebeutelter und womöglich bereits infizierter Mann (Matthias Wippich) in einer Umgebung, die im 17. Jahrhundert spielen könnte. So wie der gesamte Film ist diese Szene in Schwarzweiß gehalten.

Nach seiner Gesangskarriere hat sich Kobie van Rensburg in den vergangenen Jahren mit einer innovativen Kombination aus Live-Erlebnis und virtueller Realität einen Namen als Opernregisseur gemacht. Seine Sänger*innen werden zwischen blaue oder grüne Wände und Videokameras gestellt, wo sie in einer virtuellen Welt agieren, die dem Publikum über einen großen Bildschirm beobachten kann (diese Beschreibung basiert auf seiner Inszenierung von Händels «Atalanta» u.a. bei den Donaufestwochen im Strudengau, 2018).

Die Präsentationsform, die sich der Südafrikaner laut eigener Aussage selbst beigebracht hat, wirkt wie geschaffen für eine Zeit, in der selbst den Akteuren auf der Bühne eine physische Distanz abverlangt wird. «The Plague» ist nämlich nicht nur ein musikalisches Pasticcio, sondern auch eine bildliche Collage. Laut dem Programmheft, das als PDF auf der Theaterhomepage frei als Download angeboten wird, wurden die Abstandsregeln – mit Ausnahme von Mitgliedern, die im gemeinsamen Haushalt leben – bei den gesamten Aufnahmen eingehalten. 

Die ausgewählten Sänger*innen aus dem Musiktheaterensemble des Theaters, darunter einige aus dem Opernstudio Niederrhein, bilden in stimmlicher Hinsicht ein homogenes Ensemble auf einem – soweit man das in Aufnahmen unter den gegebenen Bedingungen beurteilen kann – durchwegs guten Niveau.

Trotz des schweren Themas folgt der in zwölf Kapitel unterteilte Film einer kurzweiligen, mit humorigen Verweisen auf die Gegenwart garnierten Dramaturgie. «The Plague» zählt sicherlich zu den außergewöhnlichsten Ergebnissen, die das künstlerische Schaffen auf dem Gebiet der Oper während der Pandemie bislang hervorgebracht hat.

Als DVD für nur € 10,- erhältlich!
https://theater-kr-mg.de/plague  


Filmstill: Ein Scharlatan in der Krise
Probenfoto © Matthias Stutte