Opéra Royal de Wallonie Liège

Bellini mit Luft nach oben

Maurizio Benini dirigiert Vincenzo Bellinis «I Capuleti e i Montecchi» rhythmisch pointiert. Allex Aguilera zeichnet bei der aus Versatzstücken entstandenen Oper für Regie und Bühnenbild verantwortlich

Daniela Klotz • 22. Mai 2024

Videoprojektionen und ein sich drehender Block in der Mitte bestimmen das Bühnenbild © J. Berger / ORW

Die Opéra Royal de Wallonie-Liège ist ein Geheimtipp für die Traditionalisten unter den Opernfans, die das Geschehen auf der Bühne gern „klassisch“, sprich möglichst werksgetreu erleben und dabei auf die profunde musikalische Begleitung aus dem Graben nicht verzichten möchten. 

Eine Oper von Vincenzo Bellini, Mitbegründer der romantischen italienischen Oper, Schöpfer des „Melodramma tragico“ und vor allem Meister des Belcanto, ist unter diesen Vorzeichen ein Leckerbissen. Der Titel «I Capuleti e i Montechi» des eher selten gespielten Werks erinnert natürlich an Shakespeare. Doch Bellinis Librettist Felice Romani orientierte sich an früheren Quellen und gab der Handlung eine andere Gewichtung. Geht es bei Shakespeare um das Aufkeimen der ersten Liebe, sind hier die beiden Protagonisten bereits ein Paar. Die weiteren Hauptrollen sind auf das Wesentliche konzentriert. Die Geschichte spielt auch nicht zeitlos „irgendwann in Verona“. Sie ist klar zur Zeit der Italien schier zerreißenden Auseinandersetzungen zwischen Ghibellinen, zu denen die Montecchi gehören, und Guelfen, denen die Capuleti anhängen, angesiedelt. 

In Liège setzt Regisseur und Bühnenbildner Allex Aguilera dieses Stück über Wahn- und Unsinn des gnadenlosen Kampfes gegnerischer Parteigänger vor einem Bühnenbild um, das sowohl der genauen zeitlichen Einordnung der Familienfehde als auch der Zeitlosigkeit der Liebesgeschichte entspricht: Bereits nach den ersten Takten des Orchesters öffnet sich der Vorhang und man erblickt hohe düstere Mauern rechts und links. Palastmauern, Stadtmauern, Verteidigungsmauern. Dazwischen hängt ein bühnenhoher roter Vorhang. Als er fällt, enthüllt er eine Wand, auch sie ein Symbol der Abschottung und Unversöhnlichkeit. Hinter ihr treten Chor und männliche Protagonisten hervor. 

Für Giuliettas ersten Auftritt dreht sich dieser Block und gibt ihre Kammer frei. Aus der trennenden Wand wird ein intimer Raum und doch auch ein Gefängnis. Gleichzeitig werden die Wände von Arnaud Pottier mit Videoprojektionen bespielt: Auf dem sich drehenden Block erblickt man Romeo, der sich langsam wieder in seine weibliche Interpretin wandelt. Später wird man Romeos Gesicht und das Giuliettas sehen und dann den Trauerzug Giuliettas. An den Wänden der äußeren Bauten rinnen Wasser, die die zögerliche Giulietta symbolisieren (ebenso wie die Wasserfläche vorn an der Rampe) und glimmt Feuer, das für den Hitzkopf Romeo steht. Geht es ans bittere Ende, verschwindet der Block und Giulietta liegt in der mit Kerzen und einer Statue, deren Kopf zu Boden gefallen ist, ausstaffierten Gruft mittig auf dem Boden, den Brautschleier als Grabtuch über sich gezogen. 

Giulietta (Rosa Feola) nimmt im Beisein von Lorenzo (Alfredo Corrado) den Schlafestrunk © J. Berger / ORW

Die Lichtgestaltung Luis Perdigueros folgt all diesen Veränderungen nahezu organisch und akzentuiert vor allem die sehr schönen Kostüme, die Françoise Raybaud vom Stil der 1830er ausgehend entworfen hat. Die Montecchi kleidet sie, Romeos Temperament entsprechend, in Rot. Die zu Beginn der Handlung auftretenden Capuleti hat sie mit dunklen Farben bedacht. Sinnbild wohl der Unversöhnlichkeit ihres Oberhaupts und der Trauer um dessen gefallenen Sohn. 

Von diesem ersten Bühnenmoment an führt Aguilera eine ausgesprochen reduzierte Regie. Sowohl Chor als auch Solisten haben kaum Bewegungsabläufe zu beachten und singen meist vorn an und auf der Treppe zur Rampe, den Dirigenten Maurizio Benini fest im Blick. Der führt sein Orchester temporeich und rhythmisch pointiert durch die Partitur. Bei Giuliettas Klagen oder den zärtlichen Duetten scheinen schöne Solo-Phrasen von Harfe oder Klarinette auf. Doch im Allgemeinen scheint der Akzent auf der Durchschlagskraft der Spitzentöne der durchweg jungen Sänger zu liegen. Die typische Ästhetik des Belcanto mag sich so nicht einstellen.

Die der Handlung entsprechend häufigen Chorszenen tragen ein Übriges zu diesem Eindruck bei. Der von Denis Segond einstudierte, durchaus engagierte Chor der Capuleti und später auch Montecchi ist voluminös, manchmal jedoch so wuchtig, dass die Solisten wirklich „alles geben“ müssen, um gegen diesen Klangwall plus Orchester anzukommen. 

Roberto Lorenzi verleiht Capellio mit seinem tönenden Bass das nötige Durchsetzungsvermögen und auch die nötige Autorität. Doch transportiert er das durch Kummer und Rachsucht versteinerte, zur Versöhnung unfähige Wesen des Oberhaupts der Capuleti nicht nur in einer gewissen darstellerischen Steifheit, sondern auch stimmlich. Keine Änderung des Ausdrucks zeigt er, wenn Giulietta ihn um Verzeihung anfleht. Keine Regung, wenn seine Mannen ihn ausgrenzen und am Schluss auf ihn als eigentlichen Mörder zeigen. 

Ganz anders zeigt sich da Lorenzo, der, mit den Liebenden im Bunde, Friede und Ehe stiften will. Alfredo Corrado gibt Capellios Freund und Arzt Lorenzo dank seines schönen, ausdrucksstarken Bass-Baritons und seiner feinfühligen Spielweise, der man die Schauspielausbildung anmerkt, einen durchwegs lebendigen Charakter voller Tiefe.

Maxim Mironov, der Tebaldo der Inszenierung, konzentriert sich wohl auf das Heldische seines Charakters. Vielleicht, um das Undankbare des Parts eines von vornherein verschmähten Ehemannes zu kompensieren. Doch leider geht damit viel von dem verloren, was der erfahrene Rossini-Tenor bei der richtigen Mischung von Kraft und Ausdruck an Ausdruckskraft hätte leisten können. Immerhin hört man im Duett mit Romeo doch noch etwas von diesem Potential.

Romeo (Raffaella Lupinacci) ahnt nicht, dass Giulietta (Rosa Feola) nur schläft und vergiftet sich selbst © J. Berger / ORW

Raffaella Lupinacci, die vor zwei Jahren am Litauischen Nationaltheater die Giulietta gesungen hat, und jetzt in Liège den Romeo gibt, legt mit ihrem ersten Erscheinen in Verkleidung des „Botschafters“ einen beeindruckenden Auftritt hin. Hoch aufgerichtet, mit breiter Brust dastehend, quillt diesem Romeo der jugendliche Überschwang aus jedem Knopfloch. Schade nur, dass diese Attitüde so bestimmend ist, dass die weitere Ausgestaltung der Rolle stimmlich und darstellerisch ins Stocken gerät. Da kann es schon mal vorkommen, dass Romeo im Duett mit Giulietta in den Tiefen schlicht untergeht oder im entscheidenden Moment doch lieber den Dirigenten ansieht als die Geliebte.

Im Gegensatz zu dieser etwas stereotypen Männlichkeits-Auffassung verleiht Rosa Feola der in Weiß (Unschuld) und Blau (Sanftmut) gekleidet leidenden und ersterbenden Giulietta tiefe Inbrunst. In den dramatischen Momenten des Abends lassen ihre Spitzentöne die Vermutung zu, ihr Sopran sei bereits zu strahlkräftig für die Rolle der Giulietta. Hingegen überzeugen ihre Phrasierungen in den stimmlich zurückgenommenen Momenten, wie etwa der sehnsüchtigen Erwartung Romeos oder als sie von Lorenzo den fatalen Trank entgegennimmt.

Insgesamt hat dieser Bellini in Liège also schon viel Schönes, aber auch noch einiges an Luft nach oben. Nichtsdestotrotz wurde die Inszenierung vom Publikum mit Bravo-Rufen, Szenen- und langanhaltendem rhythmischen Schlussapplaus sowie Blumen für die Solistinnen bedacht.


«I Capuleti e i Montecchi» – Vincenzo Bellini
Opéra Royal de Wallonie Liège

Kritik der Premiere am 19. Mai
Termine: 23./25./28. Mai