Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Orff‘sches Kopfkino
Gefeierter Spielzeit-Auftakt mit einer klang-rauschhaften «Carmina Burana» durch Paul Taubitz und einem 200 Leute starken Ensemble
Daniela Klotz • 26. August 2026
„Wem gehört die Stadt?“ ist die Frage, die sich die Wiesbadener Intendantinnen diese Spielzeit stellen und gleich bei der Eröffnungspremiere mit Verve beantworten. Mit drei Solisten des Hessischen Staatstheaters, dem Hessischen Staatsorchester, dem Chor des Staatstheaters, dem Chor der Stadt Wiesbaden und dem Wiesbadener Knabenchor füllen fast 200 Menschen die Bühne des Großen Hauses für ein Werk aus, das wie kein anderes von Lebenslust, Liebe, Vergänglichkeit und der Unberechenbarkeit des Schicksals handelt: Die «Carmina Burana», die bäuerlichen Gesänge Carl Orffs.
Orff soll die Klanggewalt des Prologs schon länger im Kopf gehabt haben, nur der Text fehlte ihm, heißt es. Dann stieß er 1934 auf einen Antiquariatskatalog, der ihn auf eine Ausgabe mittelalterlicher Texte aus der Handschriftensammlung des Klosters Benediktbeuern aufmerksam machte. Die lateinischen, mittelhochdeutschen und altfranzösischen Texte waren nach der Säkularisation 1803 in die Münchner Hofbibliothek gelangt und 1847 von Johann Andreas Schmeller herausgegeben worden. Ihr Inhalt? Mehr als untypisch für Klosterleben, sollte man meinen: Erotik, Trunksucht, Glücksspiel, Frühlingsgefühle, Liebeskummer, philosophische Betrachtungen über das Leben und immer wieder die Erkenntnis, dass das Rad Fortunas sich unerbittlich dreht und den Menschen mit seinem Kreislauf mitreißt, nach oben ins Glück, nach unten ins Elend und immer durch Werden und Vergehen wie die Jahreszeiten, wie Leben und Tod. Der Klerus im 12. und 13. Jahrhundert war eben keineswegs nur fromm und weltabgewandt. Geistliche und weltliche Lebensbereiche standen nebeneinander, wurden vermischt, parodiert und manchmal sogar bewusst gegeneinander ausgespielt. Aus den Umzügen, während derer die Mönche das Heiligste verhöhnten, entstand später die Fassenacht. Die deftige Erotik der „Carmina“, der Gesänge, war etwas vollkommen Legitimes, ging sie doch auf das Alte Testament zurück, in dem die Liebe Gottes zu seinem Volk mit der eines Bräutigams zu seiner Braut verglichen wird, wild, begehrend, zügellos. Dazu kam der über Arabien neu entdeckte aristotelische Gedanke, dass der Mensch nur ganz ist, wenn die drei Prinzipien der Selbsterhaltung (Pflanze), des Triebs/Antriebs (Tier) und der Ratio (Mensch) in Harmonie stehen.
Man reiste viel in einer Zeit, die unsere Staatenbildung nicht kannte. Man wusste viel. Antike Mythologie wird in den „Carmina“ verarbeitet, Texte von Walther von der Vogelweide kommen ebenso vor wie Ovid oder Horaz. Das meiste dürfte aber von Studenten der Theologie verfasst worden sein. Im Heidelberger Karzer kann man sich gut vorstellen, wie deren Leben hätte gewesen sein können. Die Inhalte gewinnen heute, da die Diskussion, ob der Mensch einen freien Willen hat oder doch nur hormongesteuert ist, wieder einmal geführt wird, erneut an Bedeutung. Die „Carmina“ sind mit und ohne Orffs Musik ein Faszinosum.
Orff wählte aus dem Konvolut schließlich 24 Stücke aus, ohne deren Originalvertonung zu kennen. Frühling, Anger, Schänke. Lieben, Trinken, Vergehen. „Natürlich“ folgte er der Gesetzmäßigkeit des ewigen Schicksalsrades. Die Cantate sollte bewusst keine Oper werden mit durchgehender Handlung und psychologisch ausgearbeiteten Figuren. Es sollten Bildkreise entstehen und Orff haderte oft genug mit dem, was dann wirklich auf der Bühne passierte.
In Wiesbaden entschied man sich für eine komplett konzertante Aufführung, illustriert nur durch das von Oliver Porst gesetzte Licht. Der Versuch, die einzelnen Stimmungen sichtbar zu machen, zeigt vermutlich am deutlichsten, wie verschieden Wahrnehmung sein kann. Manches, wie das Blau des Frühlings, wird sich jedem erschlossen haben, anderes Rätsel aufgeben. Irgendwie schade um die mangelnde szenische Phantasie, irgendwie auch passend. Denn – und darauf kommt es hier ja unbedingt an – nichts lenkte ab von dieser allgewaltigen Musik. Schon die ersten Schläge des Prologs trafen ins Mark. „Oh Fortuna!“ Dann ließ der 1. Kapellmeister und Stellvertretende Generalmusikdirektor Paul Taubitz mit dem Hessischen Staatsorchester und den Chören den ganzen Kosmos der Fortuna in Musik entstehen.
Da braucht es keine Inszenierung, um das Kopfkino zu befeuern. Das ist Filmmusik pur. Die tiefen Bläser und das Schlagwerk schaffen jene unwiderstehliche Klanggrundierung, auf der Orffs spezifische Metrik ihre enorme körperliche Wirkung entfaltet. Die Rhythmen gespitzt wie Federkiele, mit deutlicher, nie übertriebener Geste nahezu ausgetanzt. Wer Wagner liebt, kann stellenweise durchaus etwas von dessen Klangdenken wiederfinden – radikal vereinfacht und nochmals konzentriert. Darüber die silbrige Leichtigkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens und Liebens. So wohl durchdacht das alles ist, so bemerkenswert hemmungslos ist es auch. Dem mehr als gelungenen Fagott-Solo in „Olim lacus colueram“, dem Auftritt des gebratenen Schwans, steht Sascha Zarrabis übermutiger Gesang entgegen. Der Tenor scheut sich nicht, seiner Stimme Facetten abzuverlangen, die dem armen, dem Ofen und den mahlenden Zähnen ausgesetzten Schwan genau die richtige Mischung aus Tragik und groteskem Humor verleihen. Ein filmreifer Cameo-Auftritt mit Feder von der Proszeniumsloge herab.
Dem in nichts nach steht Christian Noel Bauer, der souverän die ganze Spannweite seiner Partie zeigt. In den Tiefen mit einer Stimme wie eine gut gegossene Glocke ausgestattet, steigt er in „Dies, nox et omnia“ so vor Liebeskummer leidend (jauend) ins Falsett wie Orff es sich nicht besser hätte wünschen können. Alyona Rostovskaya, die der Sopranpartie das verleiht, was beim reinen Zuhören verstehen lässt, was Orff an Liebreiz evozieren wollte, geht in der berühmt-berüchtigten „Dulcissime“-Passage gewissermaßen ebenfalls über ihre Grenzen hinaus.
Taubitz trägt seine Solisten nahezu auf Händen. Der eigentliche „Star“ sind jedoch die Chöre. Von Aymeric Catalano, Jud Perry und Roman Twardy einstudiert, sind sie die Stimmen aus dem Volk, die zum einem überaus textverständlich sind, zum anderen aber auch so angelegt, dass sie sich perfekt in das „Film-Feeling“ einfügen. Man muss kein Latein können, um das Locken und Frohlocken junger Liebe, den Reiz des Spiels oder den Zweifel am Leben zu begreifen.
Zu sagen bleibt noch, dass die «Carmina Burana» auch eine Nachgeschichte haben. Die szenische Uraufführung fand am 8. Juni 1937 in Frankfurt statt – im Rahmen des letzten Musikfests des Allgemeinen Deutschen Musikvereins. Eines der erfolgreichsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts entstand mitten in der NS-Zeit, allem zuwiderlaufend, was dieses Regime feierte. Die Uraufführung in Berlin hatten Parteibonzen entsprechend verhindert. Die Nationalsozialisten lehnten Orffs Musik wegen ihrer „artfremden“ Elemente ab. In der zeitgenössischen Polemik fiel sogar die rassistische Bezeichnung „bayerische Niggermusik“! Und das bei einem Komponisten, der zwar nicht zu seinen jüdischen Kollegen und Kolleginnen stand, als es notwendig war, aber auch nie in die Partei eintrat und verlauten ließ, die «Carmina», die Internationalität statt Nationalität feiern, seien ein bewusster Widerstand gegen das Regime. Erst 1945 konnte die Cantate ihren Siegeszug um die Welt antreten. Die Wiesbadener Premiere zeigt, warum: Orff hatte Latein als eine alle europäischen Völker verbindende Sprache begriffen. Seine Musik ist ohne jede Sprachkenntnis tiefinnerlich jedem Menschen begreiflich.
«Carmina Burana» – Carl Orff
Hessisches Staatstheater Wiesbaden · Großes Haus
Kritik der Vorstellung am 22.08.
Termine: 29. August