Salzburger Festspiele
Hochkarätige Hommage
Ingo Metzmacher, Georg Nigl und eine starke Besetzung feiern den 100. Geburtstag von Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann
Roland H. Dippel • 21. August 2026
Konzertante Opernaufführungen mit österreichischen Kreativwurzeln gehören seit Jahrzehnten zu den zwar wichtigen, aber nicht ganz so wie die Star-Highlights strahlenden Rubriken der Salzburger Sommerfestspiele. Diesmal sind es aber nicht Gottfried von Einem, Franz Schreker oder Ernst Krenek, denen die Aufmerksamkeit gilt, sondern der 100. Geburtstag der in Klagenfurt geborenen Dichterin Ingeborg Bachmann. Sie nannte der nur um eine Woche jüngere Hans Werner Henze „Lebensfreundin“. Der schwule Komponist und die sich in problematischen Männerbeziehungen verbrennende Literatur-Ikone bildeten eine platonische Liebes- und produktive Schaffensgemeinschaft. Die Ankündigung von Antje Tumats «Der Prinz von Homburg»-Studie schwärmt sogar von einem „Traumpaar der deutschen Nachkriegsoper“. Der Briefwechsel ist seit 2004 veröffentlicht, wenn auch mit einigen durch Verluste bei Henzes Umzügen entstandenen Lücken. Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss waren mit sieben gemeinsamen Bühnenwerken in ihrer Zusammenarbeit produktiver, aber Henze und Bachmann steuerten mit «Der Prinz von Homburg» (Hamburgische Staatsoper 1960) und «Der junge Lord» nach Wilhelm Hauff (Deutsche Oper Berlin 1965) gleichrangig Essenzielles zum Musiktheater des mittleren 20. Jahrhunderts bei.
Während letzterer inzwischen Werner Egks «Der Revisor» im Spitzenrang einer wesentlichen Opernkomödie des 20. Jahrhunderts längst ausgestochen hat, setzte sich Henzes und Bachmanns weitaus versöhnlichere Opernadaption aus dem Schauspieltext Heinrich von Kleists erst in den letzten Jahren nachhaltig durch – genau genommen seit Henzes Bearbeitung für die Bayerische Staatsoper München 1992 – so im Theater an der Wien 2009 und ab März 2027 in Bachmanns Geburtsstadt Klagenfurt. Ein knappes Jahrzehnt nach dem Tod des Orchestermagiers Richard Strauss, parallel zu Carl Orffs experimentellen „Griechenopern“ und mit einem Versöhnungsappell zwischen Zwölftonmusik und freier Tonalität positionierte sich der Mittdreißiger Henze nach seiner Flucht aus der ihn bedrückenden Enge Deutschlands nach Italien als intelligent-luzider Instrumentalkönner. Diesen und einen zweiten Pluspunkte zeigte die einmalige Aufführung in der Felsenreitschule.
Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien trat in ganz großer Besetzung an. Durch die schneidend schlanken Blechbläser und das mit bedrohlicher Dezenz geführte Schlagwerke als Chiffren für den preußisch-brandenburgisch-oranischen Drill zeigt sich posthum die hohe Originalität des zu Lebzeiten in Donaueschingen und Darmstadt als revisionistischer Avantgarde-Verräter geschmähte Henze. Ingo Metzmacher blieb in seiner Dirigierhaltung auch an diesem Abend glasklar, kerzengerade und gertenschlank. So kann die ökonomisch wie brillant und mit nüchterner Wesenhaftigkeit instrumentierte Partitur ihren weiteren Vorzug zeigen. Henze entwickelt eine ganz andere Art von Vokalanforderungen als Aribert Reimann, der um zehn Jahre jüngere Stimmenversteher. In kurzen Perioden und fragmentiert wirkenden Motiven können die Solostimmen nicht nur in Henzes „italienischen“ Partituren deutlich deklamieren und kommen ohne üppige Wehrhaftigkeit gegen das Orchester aus.
Henze und Bachmann opponierten mit dieser musikdramatischen Ökonomie gegen die nationalsozialistische Deutung von Kleists Schauspiel als Paradebeispiel für Pflichterfüllung. Der träumende Prinz Friedrich Artur von Homburg singt immer wieder ariose Kleinwellen – in Unterscheidung zu den anderen Figuren. Sogar die ihn liebende Prinzessin Natalie von Oranien, der Kathrin Zukowski alle nur denkbar klare Wärme gibt, bleibt überwiegend in anspruchsvoll inniger Deklamationspose. „Aus Bachmanns Bearbeitung des Kleistschen Prinzen von Homburg lasst sich das platonische Verhältnis noch stärker ablesen als im Boulevard“ schrieb Wolfgang Molkow in der zu vor kurzem erschienenen Henze-Hommage „Der neue wilde Wohlklang“ des Wolke Verlags.
In Salzburg hörte man all dies Hintergründige beim das Drängen des Prinzen mit Deutlichkeit bremsenden Georg Nigl und dem gläsernen Blühen Zukowskis. Tanja Ariane Baumgartner gestaltete die Kurfürstin mit ebenso verbindlicher Noblesse, dazu aber mehr Pulsieren und Vitalität. Maximilian Schmitt wirkt als Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg sogar lyrischer und weicher als die Titelfigur. Damit nimmt er dem Vertreter staatlich geforderter Pflichterfüllung, der tödliche Sanktionen gegen Ungehorsam und autonomes Handeln verhängt, die Schärfe. Mit Schmitt kommt weitere Spannung in die Beziehung zwischen dem Kurfürsten und dem für das Fach jugendlicher Bariton-Außenseiter im Musiktheater des 20. Jahrhunderts konkurrenzlosen Nigl. Als Nigl den auch im Orchester auffällig licht wirkenden Monolog von den „zwei Spannen über“ und den „zwei Spannen unter der Erde“ singt, gewinnt er in der nicht ausverkauften Felsenreitschule sogar die Aufmerksamkeit von Henze-Skeptikern. Trotzdem ist die Vertonung in szenischer Darstellung noch wirkungsvoller als konzertant. Denn Henze opponiert mit dem langsamen Puls der Komposition gegen das militärische Ambiente, in dem auch die sanfte Natalie nach ihrer Brigade ruft. Lauri Vasar als Feldmarschall Dörfling, Anthony Robin Schneider als Obrist Kottwitz und Magnus Dietrich als Graf Hohenzollern bringen ebenfalls bestens angemessene und erfahrene Stimmen für diese Oper mit. Maßhalten und Deutlichkeit sind dabei immer wichtiger als Lautstärke.
Fast wurde Salzburg in den letzten Jahren mit den dort auch uraufgeführten «The Bassarids» (2018) und «Das Floß der Medusa» (2025) zu einem Henze-Hotspot. Neben einer Serie mit «La Cubana», einem Schwerpunkt im Festival der Accademia Musicale Chigiana in Siena und «Die englische Katze» vom Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, einer Geburtstagsreihe in Hamburg und Konzerten in München halten sich Hommagen zu Henzes 100. Geburtstag in Grenzen.
Auffallend ist, dass Henzes Spätwerk wie die in Salzburg uraufgeführte Märchenoper «L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe», «Venus und Adonis» «Phaedra» derzeit wenig präsent sind. Momentan interessieren mehr Henzes „mediterrane“ Periode oder politisch implizierte Werke wie «Das Floß der Medusa». Mit zunehmendem Abstand zur Entstehungszeit leuchtet sein Gesamtschaffen in noch größerer Vielfalt, was für die Rezeption in den nächsten Jahren noch einige Überraschungen bieten wird. Die Salzburger Festspiele und Ingo Metzmacher bestätigten, dass «Der Prinz von Homburg» unter den wichtigsten Literaturopern von Bergs «Wozzeck» bis Reimanns «Lear» einen unanfechtbaren Rang bewahrt.
«Der Prinz von Homburg» – Hans Werner Henze
Salzburger Festspiele · Felsenreitschule
Kritik der konzertanten Aufführung am 20. August 2025
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