Bayreuther Festspiele

Der letzte Held

Mit der «Götterdämmerung» ging ein eigentümlicher «Ring» zu Ende, Klaus Florian Vogt stellte mit vier Hauptrollen einen heroischen Rekord ein

Sabine Busch-Frank • 11. August 2026

Ob unsere Autorin dieses Bild gesehen hat, bleibt fraglich, denn die KI kramt bei jeder Vorstellung erneut in ihrem Bilderfundus © Enrico Nawrath

Der letzte Teil des Wagner-«Rings» ist schon allein aufgrund seiner Dimension die größte Herausforderung: Nach zwei Stunden, wenn manche anderen Werke in die Zielgerade einscheren, hat man hier gerade mal zwei Szenen des Vorspiels und einen ersten Akt hinter sich, bevor die erste Pause das Spiel unterbricht. In Bayreuth bleibt dabei vor allem die erste Norn, gesungen von Anna Kissjudit, angenehm in Erinnerung. Mit ihrer warm timbrierten Stimme und der eindringlichen Gestaltung der Partie empfiehlt sich die in Budapest geborene und derzeit in Berlin engagierte Mezzosopranistin nachdrücklich für größere Aufgaben.

Wo eine Einheitsbühne mit Projektionen bespielt wird, sind die orchestralen Überleitungen und Zwischenspiele, die der Theaterpraktiker Wagner seinem Werk auch als Umbaumusik beigefügt hat, ihrer Funktion enthoben. Christian Thielemann lässt dann auch den Vorhang schließen und verschiebt damit klugerweise den Fokus noch ein wenig mehr von der Szene auf die Musik, als es der Bayreuther «Ring» 2026 ohnehin schon tut. Sein Dirigat ist unverwechselbar, viele Bayreuth-Pilger verehren ihn hymnisch für seine dramatische Wucht bei ausgeprägt differenziertem Klang und das penible Herausschälen von Leitmotiven und Instrumentalfarben. Gern setzt er das Orchester wie ein Spotlicht ein, lässt die Wogen des Rheines glitzern, entsendet fein ziselierende Hörner zur Jagd oder malt Landschaften mit breitem Pinsel. Manchmal, so bei Siegfrieds Trauermarsch, könnte man aber auch über die große Dosis Pomp und Pathos diskutieren, die hier freigesetzt wird.

Wie auch immer: Der Mann hat einen Plan, und es kommt der Wunsch auf, dass sich das szenische Konzept von Thielemanns Mission, eine Geschichte gültig zu erzählen, etwas abgeschaut hätte: Wenn beispielsweise Leitmotive durch Projektionen kenntlich gemacht worden wären oder aus den Bildzitaten vergangener Inszenierungen ein durchgehender Film erarbeitet worden wäre, hätte das Konzept vielleicht sogar über mehrere Abende hinweg getragen. Inzwischen sind allerdings einige «Ring»-Besucherinnen und Besucher hörbar empört über die Arbeit des Kurators und seines Teams, sodass nach jedem Aktschluss die „Buh!“-Rufe anschwellen.

Einige Auserwählte durften immerhin dieser Tage ein Experiment machen, das der Taff-Verein, wie sich das „Team aktiver Festspielförderer Bayreuth“ nennt, auf die Beine gestellt hat: Zwanzig AR-Brillen gab es kostenfrei auszuleihen, die diesmal keinen eigenen digitalen Content bereitstellten, wie beim Bayreuther «Parsifal» des Jahres 2023, sondern schlicht Übertitel zum Mitlesen. Der Service von projizierten Übertiteln, in anderen Häusern hierzulande seit den 1990er Jahren üblich, ist nämlich am Hort der Wagnertradition weiterhin undenkbar. Das ist besonders deshalb schade, weil Wagner als Dichterkomponist eben keinen Allerwelttext vertont hat, sondern vielmehr ein eigenständiges Sprachkunstwerk erschuf. So ist dieser Versuch mit einem alternativen Hilfsmittel nicht hoch genug zu rühmen, die Beschränkung auf zwanzig Brillen bedeutet aber auch, dass nur ein Prozent des Publikums in den Genuss des Pilotprojektes kam.

Eine Totale geht noch, dann ist diese Sause vorbei © Enrico Nawrath

AlIe anderen mussten sich mit den wenigen Funken begnügen, die sich aus diesem «Ring» herausschlagen ließen. Der zweite Akt der Götterdämmerung überraschte beispielsweise mit einem Regie-Moment: Alberich war zu Beginn der Szene hinter Hagen positioniert, sodass sich zum Dialog zwischen den beiden scheinbar eine zweite Person aus der ersten herauslöste. Der edel und verlangsamt gesungene Hagen von Mika Kares setzte dabei weniger auf die dämonische Facette der Rolle als andere Interpreten, während sein Vater Alberich, gesungen von Jochen Schmeckenbecher, vor mühsam gezügelter Spiel- und Gestaltungsfreude zu vibrieren schien. Der Chor, auf den man bis zu diesem letzten Abend warten musste, blieb auch bei der «Götterdämmerung» unsichtbar, stand im Dunkel direkt vor der hinteren Projektionsfläche, sang aber unter Thomas Eitler-de Lint, der die Leitung des Klangkörpers in der vergangenen Saison übernommen hat, wieder auf gewohntem Niveau.

Eine echte Marke setzte wiederum Klaus Florian Vogt, der mit der «Götterdämmerung» seinen persönlichen «Ring» mit vier Hauptrollen innerhalb einer Serie rundet. Sein Bayreuther Marathon erinnert an die Heroenzeit des Wagnergesangs. Vergleichbare Vielseitigkeit und Ausdauer brachte nur die Ausnahmeerscheinung Heinrich Vogl (1845-1900), auf, der bereits im 19. Jahrhundert Loge, Siegmund und beide Siegfriede verkörperte, wenn auch nicht in Bayreuth. Hier hatten zwar schon Wolfgang Windgassen oder Siegfried Jerusalem die sehr unterschiedlichen Anforderungen der Partien Siegmund, Siegfried und «Götterdämmerungs»-Siegfried im Repertoire, doch nie in einer vergleichbaren Folge innerhalb eines «Ring»-Projekts. Genau das hat Klaus Florian Vogt aber nun getan, in diesem verrückten Jubiläums-«Ring» 2026 und zum Auftakt auch noch die Partie des Loge im «Rheingold» vorangestellt. Die Disziplin, Vielseitigkeit und Kondition dieses großen Wagnertenors unserer Zeit wird vielleicht das sein, woran man sich nach diesem «Ring» einmal erinnern wird.

Die KI indes zeigte sich bei dieser Vorstellung als besonders vernarrt in die Inszenierung von Harry Kupfer in der Ausstattung von Hans Schavernoch, deren Bilder im zweiten und dritten Akt immer wieder die Projektionen dominieren. Der Schluss dieser zweiten «Ring»-Serie war dann szenisch sehr enttäuschend. Camilla Nylund, die sich in ihrer großen Schlussarie noch mal zu der Kraft und elektrisierenden Dominanz der Walküre aufgeschwungen hat, rennt förmlich von der Bühne, dort projiziert der Bilderapparat ein wenig vor sich hin, während das Orchester Töne und Scheite schichtet und das Weltuntergangsfeuer entzündet. Dann kommt Alberich noch mal recht unbeteiligt vorbei, um „Zurück vom Ring“ zu singen, bevor der große Weltenbrand dieser Konzeption endgültig das Licht ausdreht.

Überraschenderweise hat Nylund an diesem Abend, offenbar einen hartnäckigen Gegner im Publikum sitzen, der ihr einsam rufend sein „Buh!“ entgegenschmettert, was der Sängerin die stürmische Akklamation durch die Mehrheit des Publikums einbringt. Immerhin gibt es damit nach einer witterungsbedingt äußerst fordernden «Ring»-Serie und dem letzten, allerletzten Schlussapplaus doch noch ein neues Thema am Grünen Hügel.

 

«Götterdämmerung» – Richard Wagner
Bayreuther Festspiele · Festspielhaus

Kritik der Aufführung am 9. August
Termin: 16. August

 

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