Birgit Nilsson Festival, Båstad
Wo das Meer nach Wagner klingt
In der südschwedischen Provinz Skåne gedenkt man der legendären Sängerin Birgit Nilsson mit einem eigenen Festival, das u.a. in einem Tennisstadion spielt
Ursula Magnes • 11. August 2026
Es gibt Festivals, die könnten überall stattfinden. Und es gibt solche, deren Ort Teil des Programms ist. Das Birgit Nilsson Festival gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Hier, auf der Bjäre-Halbinsel im Süden Schwedens, in der Provinz Skåne, ist Birgit Nilsson keine historische Größe, deren Name für ein paar Tage über eine Veranstaltungsreihe geschrieben wird. Sie ist immer noch da. In der Landschaft, in ihrem Elternhaus, in den Geschichten der Menschen – und natürlich mit ihrer einzigartigen hochdramatischen Sopranstimme.
Zwischen Feldern und Meer liegt Svenstad, der elterliche Bauernhof, auf dem Birgit Nilsson 1918 geboren wurde und bis zu ihrem 23. Lebensjahr auch lebte. Von hier führte ihr Weg über den Kirchenchor nach Stockholm schließlich an die Metropolitan Opera, nach Bayreuth, Wien und an praktisch alle großen Opernhäuser der Welt. Dass ausgerechnet hier eine der gewaltigsten Wagner- und Strauss-Stimmen des 20. Jahrhunderts heranwuchs, ist Kern einer schillernden Legacy.
Heute bildet der Hof das Birgit Nilsson Museum samt herrlichem Stall-Kaffee. In der Tat, die Tränken für die Tiere sind noch erhalten. Und wer durch das Wohnhaus geht, begegnet dem Menschen Birgit Nilsson. Das ist eine Stärke dieses Ortes. Keine museale Ehrfurchtsstarre, sondern erdverbundene Nähe. Das Festival verlängert diese Idee in die Gegenwart: Konzerte, Meisterklassen, Gespräche, Nachwuchsförderung und schließlich große Oper. 2026 steht alles unter dem denkbar passenden Motto „Hav“ – Meer. Es ist hier ohnehin nie weit weg. Man sieht es, riecht es, spürt den Wind. Und am Ende wird es sogar zum imaginären Bühnenbild, wenn Wagners «Der fliegende Holländer» im legendären Tennisstadion von Båstad aufgeführt wird. Apropos: Der österreichische Tennisspieler Horst Skoff gewann hier im Juli 1993 das ATP-Sandplatzturnier (Swedish Open). Björn Borg wäre ein adäquater Erik.
Von Birgit zur nächsten Generation
Dass Erinnerung nur dann interessant bleibt, wenn in ihr die Zukunft wurzelt, scheint überhaupt eines der klügsten Prinzipien dieses Festivals zu sein. Birgit Nilsson selbst wusste nur zu gut, wie wichtig die Förderung am Beginn einer Karriere ist. Ihr 1969 begründetes Stipendium gehört deshalb ebenso zu ihrem Vermächtnis wie ihre Isolde, Brünnhilde, Elektra oder Turandot. Und so wird nicht nur über eine große Sängerin gesprochen. Es wird vor allem eines: gesungen und zugehört.
Dieser Gedanke führt zunächst zur Birgit Nilsson Masterclass. Junge schwedische Sänger:innen treffen hier auf Erfahrung, die sich nicht aus Lehrbüchern gewinnen lässt. 2026 ist Matthias Goerne Inspirator der Meisterklasse. Und wenn mancher Teilnehmer die deutschen Lieder eines Franz Schubert im Konzert deutlicher „zur Sprache bringt“ als der Meister, hat das auch einen besonderen Reiz. Das Publikum bei einer öffentlich zugänglichen Meisterklasse wird dabei zum stillen Mitlernenden. Was im Konzert selbstverständlich erscheinen soll, wird hier zerlegt. Interpretation entsteht vor den Ohren der Zuhörer. Das Festival, das den Namen einer Birgit Nilsson trägt, die für ihre scheinbar grenzenlose stimmliche Souveränität verehrt wurde, zeigt die Arbeit abseits der Bühne. Der abschließende Masterclass-Konzertnachmittag mit Bengt-Åke Lundin und Jacob Lidåkra am Klavier führt diese jungen Stimmen schließlich vom Unterricht auf die Bühne. Die Sopranistin Merit Nath-Göbl, die Mezzosopranistin Barbara Skora und der Bassbariton Josef Zetterberg Pihl werden ihren Weg machen, das ist gewiss.
Lieder, die nach Meer schmecken
Auch das Wasser fließt in den Konzertsaal des Ravinen Kulturhus ein. Die Sopranistin Matilda Sterby nennt ihr Programm mit dem Pianisten Matti Hirvonen „Sånger vid havet“, Lieder am Meer. Sterby selbst gehört bereits zur Nilsson-Familie: 2024 erhielt sie das Birgit Nilsson Stipendium und gewann im selben Jahr die Wilhelm Stenhammar International Music Competition. Inzwischen führen sie Engagements an bedeutende schwedische und deutschsprachige Opernhäuser; in diesem Sommer kam ihr Debüt als Marschallin im «Rosenkavalier» bei Garsington Opera hinzu. An der Wiener Volksoper war sie als Magda in «La rondine» und Gräfin in «Le nozze di Figaro» zu erleben, 2027 folgt die Fiordiligi in «Così fan tutte».
Im Zentrum steht mit Gösta Nystroems Liedzyklus der Namensgeber des Programms, «Sånger vid havet» (1942/43), der Titel könnte auch als Motto über dieser Festivalwoche stehen. Nystroem, der Maler werden wollte, bevor die Musik endgültig Besitz von ihm ergriff, hatte eine besondere Beziehung zum Meer. In seinen Liedern ist es weniger dekorative Kulisse als Seelenlandschaft. Wasser bedeutet Weite und Freiheit, aber auch Einsamkeit und Bedrohung. Genau jene Ambivalenz also, die zwei Tage später auch Wagners «Holländer» bestimmen wird. Matilda Sterby verfügt über eine ungemein schöne Bühnenpräsenz. Ihr Sopran trägt eine Verbindung aus lyrischer Wärme und dramatischem Potenzial. Sie erzählt die Lieder, statt sie lediglich schön auszustellen, und Matti Hirvonen ist ohnehin weit mehr als ein „Begleiter“. Sterby hat den Mut, im ersten Teil ausschließlich Schubert-Lieder zu singen. Da weht ein Lüftchen nach oben.
Ein Stipendium als Auftrag
Nächste Station ist die rund 600 Seelengemeinde Västra Karup. Wieder kein anonymer Konzertsaal, sondern ein Ort mit jener Kirche, an dem Birgit Nilsson am öftesten aufgetreten ist und wo sie an der Seite ihrer Eltern und ihres Mannes begraben liegt. Nicht an der New Yorker Met, nicht in Wien oder Bayreuth: in Västra Karup, wo die Menschen um dabei zu sein Schlange stehen. In der Kirche erhält der Bariton Luthando Qave das mit 250.000 schwedischen Kronen (23.000 Euro) dotierte Birgit Nilsson Stipendium 2026. Birgit Nilsson hatte selbst nie einen Agenten. Ihr schlagfertiger Hausverstand machte allen klar, dass ihre Stimme und ihre Kunst ganz einfach mit der Höchstgage zu bezahlen ist. Nicht mehr und nicht weniger.
Lutando Qave wurde in Südafrika geboren, lebt heute in Schweden und hat längst auf den wichtigen skandinavischen Bühnen Fuß gefasst. Seine Ausbildung führte ihn von der Opernhochschule Stockholm bis in das Lindemann Young Artist Development Program der Metropolitan Opera in New York. Zu seinen jüngeren Aufgaben zählen Wagner ebenso wie Bizet, Rossini und Puccini. Beim Stipendienkonzert stand ihm Magnus Svensson am Klavier zur Seite, Stefan Johansson führt durch den Abend. Sveriges Radio P2 zeichnete das Konzert auf. Eine schöne Anerkennung für den Sänger, dessen Timbre und Singlust ansteckend wirken. Den Nörglern sei der Krümel der Lästerei überlassen; der Abend bot alles, von Lied über Oper und Musical bis hin zu Jussi Björlings Encore „Till havs“ von Gustaf Nordquist. Das zeigt Selbstvertrauen und tut so richtig gut!
Die Liste früherer Stipendiatinnen liest sich inzwischen wie ein Who's who des schwedischen Sängerinnenlebens: darunter Nina Stemme, Malin Byström, Christina Nilsson und Matilda Sterby. Das macht eine solche Auszeichnung für einen jungen Sänger vielleicht wertvoller als die beträchtliche Geldsumme allein. Man wird in eine künstlerische Genealogie aufgenommen.
Bei Qave fällt vor allem die Natürlichkeit des Singens auf. Sein Bariton besitzt Substanz, ohne künstlich verdunkelt zu werden, und jene Jugendlichkeit, die man einer Stimme lassen sollte, solange sie jung ist. Gerade darin liegt eine Qualität: nicht vorwegnehmen zu wollen, was vielleicht erst in einigen Jahren kommen soll(te). Denn auch das erzählt ein solches Festival: Stimmen brauchen Zeit.
Birgit Nilsson ist dafür ein gutes Beispiel. Eine Karriere von ihrer Dimension entsteht nicht durch Beschleunigung. Und vielleicht ist genau das heute, in einer Kulturwelt permanenter Sichtbarkeit, ein wichtiger Gedanke. Ein Stipendium ist im besten Fall keine Belohnung für bereits Erreichtes, sondern die Erlaubnis, weiterzuarbeiten.
Der Holländer am Centre Court
Normalerweise fliegen in Båstad die Tennisbälle. Für einen Abend gehört der Centre Court allerdings Richard Wagner. Rund um das Stadion liegt das sommerliche Küstenstädtchen, nur einen Steinwurf entfernt das Kattegat, das Meeresgebiet zwischen Dänemark und Schweden. Einen besseren Schauplatz für eine konzertante Aufführung «Der fliegende Holländer» kann sich eine Dramaturgie kaum wünschen.
Wagners frühe große Oper beginnt schließlich mit Naturgewalt. Sturm. Meer. Ein Schiff wird vom Kurs abgetrieben. Und ein anderer Seefahrer ist überhaupt dazu verdammt, die Weltmeere ohne Ende zu durchqueren. Nur die bedingungslose Liebe einer Frau kann ihn erlösen. Wagner braucht für diese Geschichte normalerweise eine Theatermaschine. In Båstad liefert die Natur mit Krähen und Möwen zumindest einen Teil davon selbst. Der Holländer hätte in der Tat hier anlegen können.
Das Festival setzt auf eine Open-Air-Konzertfassung mit szenischer Gestaltung von Staffan Valdemar Holm in der Umsetzung von Anelia Kadieva Jonson. Henrik Nánási dirigiert das Helsingborgs Symfoniorkester und super tüchtige Chorsänger:innen aus ganz Skåne. Die Besetzung könnte zugleich problemlos auf dem Spielplan eines großen internationalen Opernhauses stehen: Christopher Maltman singt den Holländer, Elisabet Strid die Senta, Günther Groissböck den Daland, Stanislas de Barbeyrac den Erik, dazu kommen Martina Dike als Mary und Tobias Westman als Steuermann. Die darstellerische Kraft dieser Besetzung machte jegliche Inszenierung obsolet. Der Schluss war so stark, dass sich der Gedanke, wer da wen erlöst, nicht so schnell abschütteln lässt. Und dass Chefdirigent Maxime Pascal in der kommenden Saison einen kompletten Beethoven-Zyklus mit seinen „Helsingborgern“ musizieren wird, ist nach der musikalischen Leistung seines Orchesters eine Empfehlung. Dirigent Henrik Nánási bot, um ein Bild aus dem Tennis zu bemühen, ein verlässliches und schönes Grundlinienspiel.
Und ausgerechnet hier schließt sich der Kreis zu Birgit Nilsson. Die Opern Richard Wagners waren eines ihrer künstlerischen Lebenszentren. Ihre Isolde und ihre Brünnhilde wurden zu Maßstäben. Nun erklingt seine Musik wenige Kilometer von jenem Bauernhof entfernt, auf dem das Mädchen Birgit aufwuchs, lange bevor irgendjemand ahnen konnte, dass diese Stimme einmal durch Bayreuth, Wien und New York strahlen würde. Ihr legendärer Satz: „Wagner made me famous, Puccini made me rich” stimmt auch für das Festival: nächstes Jahr steht Turandot am Centre Court. Da wird vermutlich niemand schlafen, und Senta ist längst über alle Berge.
Was bleibt von einer großen Sängerin 21 Jahre nach ihrem Tod? Das Birgit Nilsson Festival ist dabei angenehm frei von jeglichem Personenkult, der Festivals mit berühmten Namen gelegentlich befällt. Natürlich ist „La Nilsson“ überall. Ihr Hojotaho liegt in der Luft. Sie darf das hier auch sein. Aber ihr Name wirkt weniger wie ein Gütesiegel aus der Vergangenheit als wie eine Verpflichtung für die Zukunft. Das internationale Board der Birgit Nilsson Foundation sorgt dafür. Chapeau!
Das Birgit Nilsson Festival wird von der Birgit Nilsson Foundation in der Stadt Båstad und in ihrer Umgebung veranstaltet. Im kommenden Jahr spielt man u.a. die Puccini-Oper «Turandot» (14. August 2027)