So alt und doch so neu #2 / #3
Das Finalproblem: Wohin, wohin?
Zur zweiten und dritten Folge der Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert“
Willi Patzelt • 09. August 2026
Die Folge 3 erscheint am 21. August
Als Ludwig van Beethoven 1824 seine Neunte Symphonie vollendet, ist nicht nur der große Schlussstein des mittlerweile fast völlig ertaubten Symphonikers geschaffen. Es beginnt in gewisser Weise auch ein großes Problem. Beethoven sprengt die klassische Form nicht einfach durch größere Besetzung oder längere Dauer. Er lädt sie mit einem Anspruch auf, der weit über das rein Musikalische hinausreicht. Die Symphonie soll plötzlich mehr sein als kunstvolle Form. Sie soll Welt deuten, Menschheit beschwören, Zukunft entwerfen.
Für das 19. Jahrhundert wird daraus eine gewaltige Herausforderung. Wie schreibt man nach Beethoven noch eine Symphonie? Wie findet man nach diesem Schluss noch einen eigenen Schluss? Hinter dieser scheinbar musikalischen Frage verbirgt sich eine größere: Worauf läuft eine Epoche hinaus, wenn die alten Gewissheiten zu schwinden beginnen und die neuen noch nicht tragen? Genau hier wird aus dem musikalischen Finalproblem ein kulturelles Problem. Es geht nicht nur um den letzten Satz einer Symphonie, sondern um die Frage, ob Kunst noch ein Ziel, eine Richtung, vielleicht sogar eine Form von Erlösung entwerfen kann.
Johannes Brahms spürt diese Last besonders deutlich. Der „Riese“ Beethoven marschiert hinter ihm her, und Brahms braucht lange, bis er seine erste Symphonie vorlegt. Richard Wagner, der Beethoven 9 selbst häufig dirigierte, wiederum wählt einen ganz anderen Weg. Wo Brahms die überlieferte Form verdichtet, weitet Wagner sie zum Musikdrama, zum Gesamtkunstwerk, zur großen Bühne der Erlösung. Zwei Wege, zwei Temperamente, zwei Antworten – und doch womöglich derselbe Ausgangspunkt.
Gerade deshalb berühren diese Fragen auch die Gegenwart. Das 21. Jahrhundert kennt technische Umbrüche, gesellschaftliche Erschütterungen und den Verlust gemeinsamer Selbstverständlichkeiten. Fortschritt allein beantwortet noch nicht die Frage nach Sinn. Geschwindigkeit ersetzt keine Richtung. Vielleicht erklärt das, warum der Blick auf das 19. Jahrhundert heute mehr ist als historische Neugier.
Die zweite und dritte Folge von „So alt und doch so neu“ kreisen um diese Spannung. Es geht um Beethoven, Brahms und Wagner, um Form und Überforderung, um Tradition und Aufbruch, um Kunst als Sinnsuche – und um die Frage, ob Musik dort Antworten geben kann, wo Gewissheiten fehlen.
Nicht als fertige Lösung, sondern als offenes Problem: Was kann klassische Musik im 21. Jahrhundert aus jenem Jahrhundert lernen, das selbst zwischen Vergangenheit und Zukunft stand?
Der Dirigent Maximilian Haberstock kann mit 21 Jahren bereits auf eine steil ansteigende internationale Karriere im symphonischen wie im Opernrepertoire verweisen. Er ist Gründer und Chefdirigent des Münchner Festspielorchesters (ehemals Junges Philharmonisches Orchester München), eines internationalen Ensembles von 97 herausragenden jungen Musikern aus 32 Nationen, mit dem er seit 2023 in renommierten Konzerthäusern wie dem Mozarteum Salzburg, der Alten Oper Frankfurt, dem Smetana-Saal Prag und dem Herkulessaal München konzertierte. Bevor sich Haberstock ganz dem Dirigieren widmete, wurde er als Pianist vielfach ausgezeichnet und gewann zahlreiche erste Preise im Fach Klavier. Er trat unter anderem in der Carnegie Hall sowie gemeinsam mit Lang Lang im Schloss Bellevue auf Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf. Seitdem war er Junior Conducting Fellow des Verbier Festivals, Dirigierassistent von James Gaffigan und bislang jüngster Teilnehmer der Gstaad Conducting Academy.
Geboren 2000 in Dresden, arbeitet Willi Patzelt als Musikkritiker in München. Seine musikalischen Schwerpunkte liegen in Oper, Symphonik, Kammermusik und Lied, besonders der deutschen Romantik, daneben in geistlicher Chormusik und Operette. Nach Stationen in England und Istanbul lebt und arbeitet er in München. Dort studiert er Rechtswissenschaften und beschäftigt sich besonders mit Rechtsphilosophie und Rechtstheorie. Zudem ist er im Bereich Gesellschaftsrecht und Mergers & Acquisitions für eine internationale Wirtschaftskanzlei tätig.
Zum Thema
Liegt die Zukunft hinter uns? Zur ersten Folge der Internetstream-Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert: Maximilian Haberstock im Gespräch mit Willi Patzelt“. – von: Willi Patzelt, 23.07.2026