Salzburger Festspiele
Space Opera mit Gedankenlöchern
«Ariadne auf Naxos» spielt bei Ersan Mondtag auf dem Mars und begeistert durch die prachtvolle Besetzung
Roland H. Dippel • 09. August 2026
Sie singen wie vom Himmel, entsprechend enthusiastisch war im Haus für Mozart der Applaus für «Ariadne auf Naxos». An Ersan Mondtags Inszenierung schien sich zur zweiten Vorstellung nach vereinzelten Buhs niemand weiter zu stören. Das könnte zweierlei bedeuten: Entweder die Kritik an der Selbstabschottung der Superreichen dieser Welt erreichte das Publikum nicht – oder sie wurde im Getümmel auf der Bühne nicht verstanden. Eine solche «Ariadne» hatten die Salzburger Festspiele und die Welt lange nicht mehr gesehen – zuletzt wahrscheinlich an der Oper Halle 2019, als Florian Lutz dort ein Spektakel über Kulturabbau durch bornierte Verantwortende entfachte.
Als Hugo von Hofmannsthal anstelle von Molières „Der Bürger als Edelmann“ für Richard Strauss zu dessen Opernjuwel ein neues Vorspiel über „Sitten und Unsitten am Theater“ erfand, entstand das 1916 in Stuttgart uraufgeführte Vexierspiel über die apotheotische Überwältigung durch Kunst und Musik – mitten im Ersten Weltkrieg. Der „reichste Mann von Wien“ will, dass die Opera seria „Ariadne auf Naxos“, das Stück im Stück, gleichzeitig mit der burlesken Zote „Die ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber“ zur Aufführung gelangen soll. Hehre Oper und Schmuddel-Komödie haben das gleiche Thema: Frau tauscht einen Mann gegen den nächsten. Die mythologische Ariadne segelt von der Todesdepression in die euphorische Ekstase, die Tänzerin Zerbinetta zeigt mit halsbrecherischen Koloraturen Verständnis für das nur allzu Menschliche.
Schlag 9 Uhr soll es Feuerwerk geben, so will es bei von Hofmannsthal der Auftraggeber. Und Feuer gibt es auch – in Gestalt einer Raumraketen-Explosion. Denn Ersan Mondtags Totalvision aus wenig Personenregie, viel kopulierendem Pantomime-Beiwerk (Choreographie: Ashley Alexandra Wright) und dem als Imitat zahlreicher SF-Raumstationen Ehre einlegenden Bühnenbild (Mitarbeit Ausstattung: Lorenz Paul Stöger) spielt auf dem Mars. Ganz toll ist im Video von Alexander Pannier, was da im All für ein Mega-Verkehrsaufkommen herrscht und wie die Raumschiffe über karger Landschaft schweben. Am Ende heben Ariadne und ihr interstellarer Verführer anstelle des Gottes Bacchus wirklich ab, wie es Strauss' Musikrausch und die von Hofmannsthal mit üppiger Erotik durchtränkte Dichtung nahelegen. Das darf man auch den Tanzenden und den Statisten zugute halten. Auf die musikalische Gestaltung hat die Szene so oder so beflügelnde bis stabilisierende Auswirkung, weil Strauss hier nur das Allerschönste will und braucht. Die 36 Positionen aus den Wiener Philharmonikern spielen Strauss' Kammerorchester-Klangorgie einfach wunderbar. Manfred Honeck holt die dunklen Farben aus der Partitur und animiert zu genau der Feinschliff-Individualität, die man auch Mondtags Rundumschlag gewünscht hätte.
Wenn dieser und sein Dramaturg Till Brieglieb ihre Legitimationen zur Stückarbeit vorbereiten, kann man ihnen schwerlich Flachheit vorwerfen. Aber Konzept-Erkenntnis und vordergründige Figurenmotivation klaffen auseinander. In Mondtags Kasseler «Freischütz» sah man zwischen Baumsterben und dem Jäger Max in der Irrenzelle keinerlei poetische Kohärenz. An der Oper Hannover in Marschners «Vampyr» setze Mondtag eine krude Szenenfolge, die das Blockbuster-Motiv gnadenlos entkernte und mit zielloser Zerstörungslust unkenntlich machte. Auch hier schlägt er mit angestrengter Verspieltheit und Sensationsgier zu: Aber die Gleichung aus „2001: Odyssee im Weltall“ und Politikkritik an den Exklusiv-Territorien der Superreichen ergibt noch lange nicht «Ariadne auf Naxos». In der Opernshow für das marsianische Publikum treten und rammeln zwei Parteien gegeneinander los. Die blauen Zipfelhörner der Zerbinetta-Showfraktion gegen die roten Zipfelhörner der Ariadne-Entourage. Der abgeschmackte Schauplatz „wüste Insel“ wird zum Friedhof für auf der Erde ausgestorbene Arten.
Mondtags Dilemma: Für die Kritik an der Geschmacklosigkeit der Superreichen agiert er zu arglos. Denn seine erotische Kopulationsfledderei und andere Ideen wurzeln im ehemals provokativen Regietheater, nicht aber in anderen Protzereien. So bemüht das alles wirkt, dient es hier doch dem von Strauss gewollten Wandel in die absolute Schönheit. Da wird sogar die Transformation des nerdigen Komponisten zur nonbinären Unschuld ein affektierter Nebenspielplatz. So kommt in dieser «Ariadne», welche seit Beginn zu den Filetstücken der sich selbst feiernden Salzburger Festspiele gehört, alles Wesentliche von den Stimmen. Kate Lindsey bringt mit exponierten „sch“- und „st“-Lauten sowie scharfen Piano-Spitzentönen im Belcanto-Spitzenniveau eine fulminante wie gegenüber früherer Partienprominenz manierierte Leistung. Es wird deutlich, dass nach dem Verlassen der Erde Kompositionsaufträge noch viel schwieriger zu ergattern sind. Christina Nilsson kontrastiert in der ursprünglich Elīna Garanča angetragenen Titelpartie: Nilssons flutender Edelsopran lädt Ariadnes ekstatische Konvulsionen mit pulsierender Wärme auf. Gleichzeitig trägt die Darstellerin ordentliche Mengen an Zickigkeit vor sich her.
Größte Überraschung ist die Chinesin Ziyi Dai. die nach Amsterdam, Rom und Zürich mit der gefürchteten Partie der Zerbinetta auch in Salzburg überwältigt. Die Diktion bei ihr und den meisten anderen Solisten sitzt exzellent, was durch die oftmals Gesichter unkenntlich machende Ausstattung empfindlich torpediert wird. Eric Cutler kennt in der schwierigen Partie des Space Opera-Goldstücks Bacchus keine Höhenängste und wickelt die rothaarige Ariadne souverän ein. Als mit wirkungsvoller Plumpheit kostümiertes Nymphen-Trio setzen Jasmin Delfs (Najade), Anja Mittermüller (Dryade) und Marlene Metzger (Echo) schöne Pianolichter. Leon Košavić (Harlekin) geht bei Zerbinettas Game- und Komödiantentruppe vor Michael Porter (Scaramuccio), Lukas Enoch Lemcke (Truffaldin) und Theodore Browne (Brighella) in Führung. Im Vorspiel glänzen Christoph Pohl (Musiklehrer), Johannes Silberschneider (Haushofmeister) und der in seiner Partie brillante Jonas Hacker (Tanzmeister). Besetzungsmäßig ist die neue Salzburger «Ariadne auf Naxos» also ein Superhit, szenisch ein unterhaltsames Ungetüm mit empfindlichen Handicaps und vom Orchester eine Sternstunde, weil Strauss mit unerschütterlichem Elitedenken immer wieder die Augen vor den Kriegskatastrophen und Desastern seiner Epoche zudrückte. Auch das ist durchaus ein Salzburger Zentralthema.
«Ariadne auf Naxos» – Richard Strauss
Salzburger Festspiele · Haus für Mozart
Kritik der Vorstellung am 8. August
Termine: 2./7./10./14./24./28. August