Bayreuther Festspiele

«Ring» ohne Regie

Der diesjährige KI-«Ring» verweigert sich der Personenregie, das Publikum reist teilweise vorzeitig ab, dabei wird formidabel musiziert. Ein erster Bericht aus dem «Rheingold»

Sabine Busch-Frank • 05. August 2026


OPERN∙NEWS stellt diesen Beitrag kostenlos zur Verfügung.
Unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit mit einem Förderabo!


 

Für diese Produktion stellen die Bayreuther Festspiele nur Szenenfotos von der Totale zur Verfügung, nicht von den kostümierten Sängern © Enrico Nawrath

Die gute Nachricht – aus Publikumssicht – vorweg: Der Ticketmarkt beim Bayreuther Jubiläums-«Ring» ist sehr entspannt. Wer jetzt am Ticketschalter der sonst chronisch ausverkauften Wagnersause herumlungert, bekommt Karten mit einem Viertel, einem Drittel oder sogar der Hälfte Rabatt angeboten. Gäste, die ihre Hotelbuchung noch stornieren konnten, reisen enttäuscht ab, dabei ist die musikalische Besetzung allererste Sahne. Christian Thielemann dirigiert mit gewohnter Deutungshoheit, kraftvoll lässt er das Orchester auftrumpfen, nimmt den Klangkörper in den dialogischen Passagen sängerfreundlich zurück. Wie Preziosen werden die Höhepunkte der Partitur auf dem Silbertablett der Bayreuther Akustik zum Funkeln gebracht.

Es singt die Bayreuth-Familie: Michael Volle ist ein Wotan, der alle Wünsche erfüllt, mit Klaus Florian Vogt aber kann man im «Rheingold» den womöglich besten Loge aller Welten hören. Der Tenor ist längst über diese Einstiegspartie herausgewachsen, trotzdem scheint es sich um ein spätes Rollendebüt des Ausnahmesängers zu handeln, der dem Haus seit mehr als 20 Jahren verbunden ist. Was Vogt auszeichnet, das intellektuelle Durchdringen des Textes, die makellose Artikulation, der perfekte Klang, setzt für diese sonst oft als Charakterpartie aufgefasste Rolle neue Maßstäbe.

Auch Christa Mayer als Erda ist eine Sängerin, der die Festspiele mindestens so viel zu verdanken haben wie umgekehrt. Ihre Erda, so kurz die Partie auch ist, wird verdient bejubelt. Gerhard Siegel zeigt sich als Mime auf der Höhe seines Könnens, Mika Kares gibt einen Fasolt, den man gerne den Sieg über den Bruder, hier von Peter Rose gesungen, gegönnt hätte, so fein und emphatisch besingt er die Reize des Weiblichen. Von den Rheintöchtern sticht neben Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold vor allem die kecke, silbrig strahlende Stimme von Katharina Konradi heraus, die ihrer Partie etwas vom Charme einer Soubrette einzuhauchen vermag.
Dieses Ensemble hat keine Aussetzer, Thielemann kann sich eine weitere Kerbe in den Dirigentenstab ritzen. Warum also dieser Rückzug der Pilger vom Grünen Hügel?

Totale 2 © Enrico Nawrath

Nun, die Festspiele haben bei der Jubiläumssaison offenkundig sparen müssen. Was marketingträchtig als erste Inszenierung mit KI angekündigt wurde, erweist sich als Verweigerung der szenischen Arbeit. Marcus Lobbes, am Theater Dortmund als Intendant der Akademie für Theater und Digitalität tätig, ist dann auf der Besetzung auch nicht als Regisseur, sondern als Kurator und Mitverantwortender einer künstlerisch-technischen Konzeption genannt. Das passt, denn dieser «Ring» verweigert jede Personenregie. Das Ensemble tritt auf und ab wie bei einer konzertanten Oper, trägt allerdings Kostüm und Maske. Die Bühne (Pia Maria Mackert) ist ebenfalls wie für ein Konzert eingerichtet, vor allem den Projektionsflächen im Vorbühnen- und hinteren Bereich dienend.
Dort aber darf die KI sich dann austoben, spielt im rasanten Tempo Bilder aus der Bayreuther Aufführungsgeschichte und aus dem Rest der Welt ein. So singen also die drei Rheintöchter 2026 zu Beginn vor der bekannten Schwarzweißfotografie, einem Rollenporträt von Lilli und Marie Lehmann und Minna Lammert aus der ersten Bayreuther Aufführung.

Die KI wurde offenbar gefüttert mit Material aus dem Archiv und befragt nach Themen, die zeitgleich Kunst und Welt beschäftigten. So bespielt sie die beiden Projektionsflächen den ganzen Abend über mit mehr oder weniger passenden Bühnenbildmodellen, Szenenfotos, verfremdeten Gemälden, und weil diese Bilder zu einer fortlaufenden Projektion verarbeitet wurden, die heutige Sehgewohnheiten bedienen muss, morphen sie ineinander, verschwimmen manchmal noch, bevor das überforderte Gehirn sie zuordnen konnte. Unweigerlich stellt sich eine visuelle Ermüdung ein, auch Grimm und Verweigerung.

Im Programmheft behauptet Lobbes: „KI im Theater interessiert mich überhaupt nur dann, wenn sie nicht bloß Effekt bleibt.“ – ein Satz, den seine Inszenierung pervertiert: Wird die KI so eingesetzt, kann sie nicht interessieren. Ein handgemachter Bilderbogen gespeist von menschlicher Intelligenz und mit Hilfe der KI verfeinert, hätte hier vielleicht als Ersatz für Szene und Spiel funktioniert. Nicht die KI scheitert also an diesem Abend, sondern das Konzept.

Totale 3 © Enrico Nawrath

So ist bereits bei der zweiten Vorstellungsserie zu beobachten, wie die Bilderflut verlangsamt wird und die Darstellenden hilflos beginnen, Verlegenheitsgesten zu benutzen. So deutet Fafner die Ermordung seines Bruders mit einem stummen Spiel der Arme an, als würde er einen Hammerschlag ausführen, Fasolt zuckt mit den Schultern und sinkt ein wenig zusammen, bis er abgeht. Überhaupt ist es schwer, sie voneinander zu unterscheiden, als sie nach der Vorstellung zur Verbeugung auftreten: Die voluminösen Kostüme ähneln sich, alle sehen wie zerrupfte Vögel in Schwarzweiß aus, tragen bleich geschminkte Gesichter, offenbar, um zwischen den Projektionen nicht unsichtbar zu werden. Nur Loge ist hochgewachsen und mit zwei Seraphin-Flügeln auch von den hinteren Reihen aus noch klar erkennbar.

Wer hier, im Haus ohne Übertitel, nicht sattelfest ist, ist verloren. Wagnerfans genießen die große Textverständlichkeit und das Zelebrieren der Musik, vermissen aber all das, was sonst den Kitzel der pausenlosen zweieinhalb Stunden «Rheingold» ausmacht.
Wie schwimmen, krabbeln oder fliegen die Rheintöchter? In welcher Form wird das Gold dargestellt? Wie werden Riesen, wie Zwerge dargestellt? Wie verwandelt sich Alberich in Riesenwurm und Frosch und schreiten die Götter auf einem Regenbogen nach Walhall, wie Wagner es sich gewünscht hat?

All diese Erwartungen weiß das Konzept zu enttäuschen. Ja, oft passen die eingeblendeten Bilder zumindest bei der zweiten Serie der Vorstellung nicht einmal zur gesungenen Szene, sondern sind zu früh oder zu spät eingeblendet.

Die KI als Werkzeug ist zumindest derzeit noch nicht geeignet, einen Theaterabend zu erschaffen, der berührt. Wenn das die Erkenntnis des Jubiläums-«Rings» sein soll, dann hätte das im traditionsverliebten Bayreuth zumindest einen witzigen Nebeneffekt: Regisseurinnen und Regisseure, ihr müsst derzeit noch nicht fürchten, durch das neueste, unvorstellbar leistungsstarke Werkzeug der Menschheit ersetzt zu werden. Noch seid ihr unverzichtbar, genau wie die Instrumente im Orchestergraben, die Singenden auf der Bühne, das Dirigat. Dieser «Ring» bleibt nur in diesem Jahr auf dem Spielplan. Alles bleibt, wie es ist. Entwarnung.

 

Zum Thema

OPERN·NEWS
Tribun an neuem Spielort.
Bayreuther Festspiele: Ein weibliches Regieteam setzt in «Rienzi» auf Überwältigung und liefert mehrere Lesarten. Andreas Schager gestaltet die Titelfigur phantastisch. – von: Sabine Busch-Frank, 04.08.2026