Bregenzer Festspiele
Plätschernde Party
Die Bregenzer Spektakelbühne zeigt erstmals Verdis «La traviata». Die Latte für das Inszenierungsteam Damiano Michieletto und Paolo Fantin liegt hoch
Sabine Busch-Frank • 23. Juli 2026
Vielleicht hat man ja einfach schon zu viel Spektakuläres in Bregenz gesehen? Stelzenfiguren, hüpfende Menschen an Gummiseilen, Auftritte aus der Wassertiefe und Stuntleute, die sich waghalsig in den See stürzten, eine «Carmen», die ihr enttäuschter Liebhaber im Bodensee ertränkt, Feuerwerk, ein brennendes Dorf gar: Vielleicht liegt die Latte hier einfach zu hoch, als dass sie nicht einmal auch gerissen werden könnte. Jedenfalls erfüllt der gigantische Splitterspiegel, der im Bodensee verankert die Spielfläche für die neue Produktion «La traviata» darstellt, letztlich die Erwartungen an eine atemberaubende Show nicht.
Dabei ist das Bühnenbild, so hört man, ein Wunderwerk des Einfallreichtums. Die Materialität des Spiegels, der allwettertauglich auch im Winter auf dem See verbleibt, erscheint metallisch, doch ist er mit einer Textilschicht bezogen, die auch für Projektionen genutzt wird. Viele der Scherben sind beweglich, ein komplexes System aus Abstandsmessern und Motoren ist hierfür verbaut. Zwei seitliche Flächen verbergen weitere Spielräume, und während im Vorbühnenbereich das aus den Vorjahren bekannte Wasserbecken eine Neuauflage erfährt, ist auf der vorderen Fläche des Bühnenbodens diesmal ein riesiger roter Ring versteckt. Er ermöglicht Sprühnebel und Farbzauber. Dazu kommt eine große, scheinbar schwebende schwarze Kugel, die das dräuende Unglück symbolisiert, welches die kranke Titelheldin schließlich als hustendes Schwindsuchtopfer dahinraffen wird.
Doch die Inszenierung des italienischen Teams Damiano Michieletto (Regie) und Paolo Fantin (Bühnenbild), von welchen beispielsweise auch eine ziemlich radikale «Aida» in München zu sehen ist, bleibt getreu dem Wasserstand in ihrem Becken immer im Knietiefen. So waten also nicht nur die Figuren teils ziemlich planlos durch das Bodenseewasser, sondern auch die Handlung dümpelt dahin. Die beiden großen Chorszenen, die Verdi für sein Meisterwerk geschrieben hat, lassen dabei durchaus Stimmung aufkommen: Einmal trifft sich das Partyvolk im Outfit der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts zu einer durchgeknallen Strandparty und führt, leider parallel zur berühmten Liedstrophe Alfredos „Libiam ne´lieti calici“, platschendes Wasserballett auf. Später versuchen Chor, Ballett und Statisterie das verruchte Flair des Pariser Cabaret einzufangen, samt Zauber-Einlage und einer Choreografie mit Straußenfeder-Fächern.
Aber eine gewisse Beliebigkeit ist diesen knallbunten Szenen nicht abzusprechen, sie sind Fremdkörper im ansonsten grauen Spiel um eine arme Seele. Immer ist an diesem Abend eine tiefe, traurige Distanziertheit zwischen den Figuren zu beobachten. Mehrfach sitzt da die Kurtisane und Königin der Pariser Gesellschaft allein am Wasser, in einem tragisch abgedunkelten Bühnenbild und sinnt, ganz die „Abbandonata“, die Verlassene, als die sie sich im Text bezeichnet, der Endlichkeit des Daseins und verpassten Chancen nach.
Obwohl das Libretto nach dem autobiografisch inspirierten Roman „La Dame aux Camélias“ von Alexandre Dumas d. J. nicht gerade überkomplex ist, wird die Handlung in Bregenz mit Filmprojektionen (Roland Horvath) ergänzt, welche die fatale Diagnose, Momente des Liebesglücks oder der Einsamkeit duplizieren. Der Spiegel der Seele, so platt dieses Bild auch sein mag, wird damit etwas zu ausufernd durchillustriert. Einige Aktionen scheinen nur dazu zu dienen, Videomomente zu erzeugen. Da fliegt, vom wütenden Tenor geschleudert, in der Erkenntnis seiner Blauäugigkeit ein Blumenstrauß zu Boden und: Schwups, werden Blüten auf die Spiegelscherben projiziert. Geht es noch beliebiger?
Der Tenor, am Premierenabend ein wenig matt und intonationsschwach gesungen von Julien Behr, hat es überhaupt schwer in dieser Inszenierung. Er ist ein lausiger Anstreicher, der in der prachtverliebten Belle Epoque unmotiviert eine Wand mattlila anpinselt, die einer Ikea-Ausstellung gut anstehen würde. Währenddessen, fast nebenbei, muss er seine große Arie auf einer Leiter stehend singen.
Die Duette mit Violetta (strahlend und überzeugend: Marjukka Tepponen) absolviert er in bescheidener Unterwürfigkeit. Sogar die Chance, zu guter Letzt geläutert an ihr Sterbebett zu eilen, verweigert ihm das Bühnenbild, weil es keine Liegestatt bereithält: Alleine vollendet die Heroine ihr Leben auf einer Spiegelglasscherbe im Wasser, während ihr Galan traurig die Hände zu ringen scheint.
Musikalische Lichtblicke sind der Vater Germont, hier nicht diabolisch manipulativ, sondern seelenvoll gestaltet von Vladimir Stoyanov, und die beiden kleineren Frauenrollen Anina (Melissa Zgouridi) und Flora (Angela Simkin). Auch der Chor kann sich hören lassen und die Wiener Symphoniker, hier in kluger Bildregie auch immer wieder bei der Arbeit zu beobachten, sowieso.
Weil in Bregenz tageszeitbedingt stets ein später Beginn der Vorstellung gewählt wird und Pausen demnach wegfallen, wurde auch diese «Traviata» beherzt gekürzt. Sie dauert im Dirigat von Kirill Karabits knappe zwei Stunden statt der sonst üblichen etwa 150 Minuten, was aber kaum ins Gewicht fällt. Die musikalische Seite dieser Produktion ist es jedenfalls nicht, die den Eindruck zurücklässt, dass hier eine uninspirierte, mutlose Inszenierung im Sonnenuntergangslicht des Bodensees aus der Taufe gehoben wurde. Für dieses Jahr sind aber ohnehin alle Vorstellungen ausverkauft.
«La traviata» – Giuseppe Verdi
Bregenzer Festspiele · Seebühne
Kritik der Premiere am 22. Juli
Termine: 24./25./26./28./29./30./31. Juli; 1./2./4./5./6./7./8./9,/11./12./13./14./15./16./18./19./20./21./22./23. August