Kalchschmids Albenpanorama
06/2026
Neuentdeckte Lieder von Donizetti, berührend zart gesungene von Schubert und fein modellierte Liebesblüten sowie eine sinnlich-wuchtige Strauss-Komödie bilden vier faszinierende Neuerscheinungen
Klaus Kalchschmid • 07. Juni 2026
Wie mit Samthandschuhen fasst die junge Mezzosopranistin Coline Dutilleul in ihrem Album „In deinen süßen Händen – Musik für verlorene Seelen“ jeweils zwei zarte, zutiefst melancholische, todesnahe Lieder Franz Schuberts an: „Die Götter Griechenlands“ / „Abendstern“ und „Der Jüngling und der Tod“ / „Leiden der Trennung“. Fast geflüstert, dabei nie mit zu wenig Ton gesungen und schlicht zauberhaft klingt das, denn die Stimme von Dutilleul berührt nicht nur im Pianissimo unmittelbar. Wie sie mit dem Tod kommuniziert in „Der Jüngling und der Tod“ und die Musik fast zum Stillstand kommt, hat etwas zutiefst Berührendes – und ist nicht zu denken ohne die zurückhaltende Klavierbegleitung durch Aurelia Vişovan. Neben Bekanntem wie „Die junge Nonne“, „Gretchen am Spinnrade“, „Du bist die Ruh“ und „Nachtstück“ gibt es viel Unbekanntes zu entdecken, wie das ganz Schubert-untypische „Vom Mitleiden Mariä“, „Schwanengesang“ und „Auf den Tod einer Nachtigall“ oder „Berthas Lied in der Nacht“, alles mit zauberhafter Einfachheit und immer sehr leise gesungen. Raffiniert in diesem, den Tod als den Erlöser preisenden Programm sind die Einschlüsse von Werken Johann Sebastian Bachs. Neben der Aria aus den Goldberg-Variationen und Präludium und Fuge c-Moll aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers sind das zwei Teile aus dem „Capriccio sopra la lontananza del suo fratello dilettissmo“, die sich wunderbar einfügen. Und am Ende hören wir in einem Melodram („Abschied von der Erde“) auch noch die Sprechstimme Coline Dutilleuls, fast etwas befremdend klingt das. Die deutschen Originaltexte sind im Booklet abgedruckt, englische Übersetzungen mittels QR-Code abrufbar. (Fuga Libera)
Zweihundert Lieder hat Gaetano Donizetti im Laufe seines Lebens komponiert, von denen viele kaum oder gar nicht bekannt sind, teilweise bis vor kurzem verschollen waren oder aber in mehreren Quellen überliefert sind. Für Opera Raras Gesamteinspielung auf acht CDs, von denen jetzt die letzte erschienen ist – vorausgegangen waren exzellente Alben mit Ermonela Jaho, Lawrence Brownlee, Marie-Nicole Lemieux und Michael Spyres – war minutiöse Forschungsarbeit gefragt, so wurden einige Lieder in einem Kloster in Linz gefunden. Das jeweils umfangreiche, mit Fotos der Interpreten, Textdichter und einzelnen Manuskriptseiten bestückte Booklet erläutert die einzelnen, mit englischer Übersetzung abgedruckten Lieder ausführlich, jeweils mit bibliographischen Angaben und solchen zu Entstehung und den Textdichtern, soweit bekannt. Auch eine stilistische Einordnung gibt es für jedes Lied. Dabei ist die Abfolge der CD nicht chronologisch, sondern thematisch und stilistisch gemischt wie für einen Liederabend. Nicola Alaimo, der bereits ein Album in dieser Reihe veröffentlicht hat, beschließt sie jetzt auch mit einem bunten Strauss feiner Lieder, die von tiefster Trauer bis zu heiterer Gelöstheit am Ende ein weites Spektrum umfasst. Dass der Bassbariton über eine flexible Stimme verfügt, hört man in jedem Lied, aber auch dass er über viele Facetten des Ausdrucks gebietet. Carlo Rizzi ist ihm dabei am Flügel ein kompetenter Partner. (Opera Rara)
Lieder von Schumann, Zemlinsky und Strauss in verschiedensten Facetten präsentiert Marlis Petersen in ihrem neuen Album „Blüten der Liebe“. Nach einer Huldigung der Rose spannt Frauenliebe und -leben einen großen Bogen von der ersten Begegnung, dem Abschied von den Freundinnen, Hochzeit und Mutterschaft bis zum Verlust des geliebten Mannes. Schumann komponiert dafür feine Schattierungen im Gesang und in der Klavierbegleitung, die Marlis Petersen und Stephan Matthias Lademann in acht Liedern erfrischend pathosfrei, aber immer sehr innig zum Besten geben. Das gilt auch für die sechs Walzergesänge op. 6 von Alexander Zemlinsky, spätromantische Musik, die freilich auch ironische Zwischentöne kennt. Richard Wagners Wesendonk-Lieder sind entstanden als künstlerischer Ausdruck der intensiven, gleichwohl vermutlich platonisch gebliebenen Liebesbeziehung zu Mathilde Wesendonk, der Frau seines Gönners in Zürich, und sollten die einzigen Lieder des Komponisten bleiben. Marlis Petersen findet dafür den ebenso leidenschaftlichen Ton, wie sie die lyrischen Zwischentöne zu Klängen aus dem dritten Aufzug von «Tristan und Isolde» fein modelliert. „Blumenlieder“ von Richard Strauss preisen einmal mehr die Rose („Rote Rosen“, „Die erwachte Rose“, „Begegnung“). Weitere Vertonungen aus dem op. 10, bei denen Blumen im Mittelpunkt stehen („Die Georgine“, „Allerseelen“) leiten über zu einem letzten Zemlinsky-Lied, das endet mit: „Selige Stunde“ / „Meine Wünsche, die weit / Über Raum und Zeit / Spielen und schwanken, / Sie ziehn die Segel ein / In deinem Hafen, / Sie liegen stumm und klein / Und schlafen“. Wieder bilden Klavier- und Singstimme eine fast symbiotische Übereinstimmung und beenden ein in jeder Hinsicht gelungenes Album. (als CD nur über die Website von Solo Musica und ditigal auf gängigen Streaming-Portalen verfügbar)
Schon der Titel von «Intermezzo» spielt auf das Leichtgewichtige dieser „bürgerlichen Komödie mit sinfonischen Zwischenspielen“ an, die Richard Strauss 1921 zwischen «Die Frau ohne Schatten» und «Ägyptischer Helena», für die Hugo von Hofmannsthal das Libretto schrieb, komponierte – auf einen eigenen Text. Unverhohlen autobiografische Züge trägt die „auf dem realen Leben“ (Strauss) basierende Oper. Hofkapellmeister Strauch hat mit seiner Gattin eine überaus temperamentvolle Frau an seiner Seite – wie Strauss auch –, die freilich in «Intermezzo» durch ein versehentlich an Storch geschicktes Telegramm einen Ehebruch wittert und sogleich Scheidung und Sorgerecht für den Sohn fordert. Lange dauert es, bis das Ganze geklärt ist und nach gegenseitigen Schuldzuweisungen in ein hymnisches Versöhnungsduett mündet. Wie für das Finale des ersten Akts am Bett des kleinen Sohns und einige der großen und kleinen Zwischenspiele gibt es die weite Kantilene, während ansonsten ein lebhafter, ja manchmal fast hysterischer Parlando-Ton herrscht. Maria Bengtsson ist die alles beherrschende Christine Storch – mit schöner Mittellage, machtvollen Spitzentönen und einer für einen Sopran erstaunlichen Wortverständlichkeit. Philipp Jekal hat als Robert Storch gegen sie wenig auszurichten, behauptet sich aber trotzdem musikalisch. Clemens Bieber, Markus Brück und Thomas Blondelle überzeugen in Nebenrollen. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin spielt unter Leitung von Donald Runnicles mit sinnlicher Wucht, aber auch sehr präzise in den Parlando-Passagen. (Naxos)