Römerland Carnuntum

Höchste Spannung an entspanntem Ort

Bereits zum achten Mal fand in Rohrau (Niederösterreich) der Haydn-Gesangswettbewerb statt. Dreißig Teilnehmerinnen aus zwölf Ländern hatten es in die erste Runde geschafft

Stephan Burianek • 29. Mai 2026


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Aus dieser Perspektive nehmen die Teilnehmerinnen im Schloss Rohrau die erste Runde des Haydn-Gesangswettbewerbs wahr © Tobias Müller

Sie verabscheut diesen Moment, gibt Kammersängerin Angelika Kirchschlager mit einem Stoßsäufzer den neben ihr stehenden Jurymitgliedern zu verstehen. Die Sonne steht bereits tief und taucht den schmucken Innenhof des Haydn-Geburtshauses im niederösterreichischen Rohrau (Region Carnuntum) in sanfte Farben. An gedeckten Tischen und auf Holzbänken, wie man sie von den Buschenschanken der Umgebung kennt, sitzen junge Sängerinnen und Sänger vor geleerten Tellern. Die Stimmung ist gleichermaßen heiter wie angespannt, denn während des Grillabends am Freitag des alljährlichen Internationalen Haydn-Gesangswettbewerbs wird verlautbart, wer es in die zweite Runde geschafft hat.

Den Internationalen Haydn-Gesangswettbewerb bezeichnet Kirchschlager selbst gelegentlich als ihr „Baby“, bereits zum achten Mal sitzt sie der Jury vor. Wie der Name des Wettbewerbs bereits vermuten lässt, werden hier nicht bombastische Stimmen gesucht, die sich zwangsläufig in den großen Opernhäusern des 19. Jahrhunderts am wohlsten fühlen, sondern ideale Interpretinnen von Liedern und Arien der Wiener Klassik.

Die erste Runde geht in einem kleinen Saal im Erdgeschoß des Schlosses Rohrau über die Bühne, zum Einsingen stehen den Sängerinnen die Räume des Schlossmuseums zur Verfügung, in dem die Harrach'sche Gemäldesammlung untergebracht ist. Vor ihrem Vorsingen proben sie in einem der Prunkräume des Schlosses ihren Auftritt mit Pantelis Polychronidis oder Mennan Bërveniku am Klavier – wenn sie nicht fallweise mit einer eigenen Begleitung angereist sind. Die beiden Pianisten sind praktisch den ganzen Tag im Einsatz, trotzdem hat das Ergebnis zumeist Konzertqualität. 

Im Innenhof des Haydn-Geburtshauses verkündet Angelika Kirchschlager, wer es in die nächste Runde geschafft hat © Tobias Müller

Die Jury besteht ausnahmslos aus ausgewiesenen Stimmenexpertinnen: Neben Kirchschlager und dem Intendanten der niederösterreichischen Haydnregion Michael Linsbauer sitzen Kammersänger Adrian Eröd (Leiter des Opernstudios der Wiener Staatsoper), Jean Denes (Operndirektor, Theater Basel), Damia Carbonell Nicolau (Künstlerischer Leiter, Dutch National Opera Amsterdam), Ammiel Bushakevitz (Pianist mit Spezialisierung auf Lied), Samantha Farber (Geschäftsführerin, Sonoartists Wien) und Daniela Spering (Karriere- und Auftrittscoach, Köln) an Tischen mit darauf gestapelten Bewertungsbögen. Zusätzlich zur erforderlichen Punktevergabe machen sich die Jurorinnen gewissenhaft Notizen, denn wer nicht weiterkommt, darf sich bei jedem von ihnen ein persönliches Feedback holen.

Der erste Tag, ein Freitag, ist der längste. Insgesamt dreißig Teilnehmerinnen stellen sich der Herausforderung, mit jeweils einem Lied und einer Arie, die sie aus dem vorgegebenen Repertoire selbst auswählen durften, die Jury zu überzeugen. Die meisten Sängerinnen kommen aus Deutschland (7), gefolgt von Österreich (6) und Russland (5). Weitere Aspirantinnen haben Reisepässe aus Japan, USA, Südkorea, Slowakei, Tschechien und Portugal – wobei nahezu alle in Europa wohnen, zumeist in Deutschland oder Österreich.

Im Angebot sind neben den Haydn-Brüdern Joseph und Michael natürlich Mozart und Beethoven, aber auch der bei der Jury besonders beliebte, weil seltene gehörte Ignaz Pleyel. Für die ersten beiden Runden kommen die Teilnehmerinnen mit Werken, die jeweils insgesamt zehn Minuten füllen müssen. Das erste Stück dürfen sie frei wählen, das zweite bestimmt die Jury. Besonders häufig wurden die Joseph-Haydn-Lieder „The Wanderer“, „Sailor's Song“ und „The Mermaid's Song“ vorbereitet, aber auch Mozarts „Abendempfindung“, Beethovens „Adelaide“ und Joseph Haydns „Fidelity“ stehen hoch im Kurs.

Wer vor die Jury tritt, der stellt sich vor und gibt bekannt, mit welchem Werk er oder sie starten möchte. Ein selbstsicherer Auftritt hilft beim ersten Eindruck, aber entscheidend ist freilich der Gesang. In den meisten Fällen, das zeigen kurze Gespräche zwischen den einzelnen Durchgängen und während kurzer Pausen oder während des Mittagessens, sind sich die Jurymitglieder über die Vorzüge und Schwächen der einzelnen Wettbewerberinnen einig. Aber nicht immer ist das der Fall, es gibt durchaus unterschiedliche Präferenzen, sei es in Bezug auf den Stimmklang, die Technik oder den Ausdruck. Dabei, so scheint es, spielt auch der berufliche Hintergrund eine Rolle. 

Im Finalkonzert singt der spätere Gewinner des 1. Hauptpreises eine Haydn-Arie, am Klavier begleitet von Pantelis Polychronidis © Tobias Müller

Denn es geht nicht zuletzt um die Entdeckung neuer Stimmen für das eigene Haus: Nach dem Gewinn des 2. Preises im Jahr 2019 wurde die isländische Sopranistin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir in das feste Ensemble des Theaters Basel aufgenommen, und auch Caroline Taylor und Chelsea Marilyn Zurflüh wurden von Jean Denes beim Haydn-Gesangswettbewerb entdeckt und werden in der kommenden Saison im Theater Basel singen. Weil Denes in der kommenden Saison als stellvertretender Intendant an das Grand Théâtre de Genève wechselt, erscheint es durchaus möglich, dass einer der diesjährigen Teilnehmerinnen nach Genf eingeladen werden wird.

Aber zurück zum Freitag, zurück zum Grillabend: In der Hand hält Angelika Kirchschlager eine geheime Liste mit allen dreißig Namen. Geheim ist sie deshalb, weil die österreichische Kammersängerin zwar gleich verlautbaren wird, welche Sängerinnen und Sänger in die zweite Runde gekommen sind, nicht aber, wer in der Gunst der Jury nach dem ersten Durchgang eher oben oder weiter unten steht. Jene, die aufgerufen werden, freuen sich naturgemäß und wirken erleichtert, schütteln vermeintlich ungläubig ihre Köpfe, begraben diese mit ihren Händen oder strecken ebendiese freudig in die Höhe. Der Rest gratuliert und hofft, als nächstes aufgerufen zu werden. Als am Ende klar ist, wer es nicht geschafft hat, dauert es eine Weile, bis sich die Ausgeschiedenen zu den Juroren aufmachen, um sich ein Feedback zu holen. Manche verzichten darauf.

Nach der zweiten Runde, die tags darauf unweit des Schlosses Rohrau im Haydn-Geburtshaus und ebenfalls ausschließlich vor den Augen der Jury über die Bühne geht, stehen dann sieben Finalistinnen fest. Das Finale wird in einem schmucken, nicht sonderlich großen Saal in einem Gebäude neben dem Schloss zelebriert, in dem einst das Personal untergebracht war. Das Finalkonzert ist öffentlich, im überschaubaren Publikum kennen viele einander. Weil das Konzert auf Youtube gestreamt und dort von etwa 1.300 Personen live verfolgt wird, erhält es in gewisser Weise die Dimension eines großen Konzertsaals. Vor Ort wird in den beiden Pausen – nach dem Lied-Teil und vor der Preisvergabe – über die persönlichen Präferenzen diskutiert. Man ist sich nicht einig, auch in dieser Hinsicht ist jeder Finalist ein Gewinner. 

Als Besonderheit des Wettbewerbs werden nach Liedern der Wiener Klassik im zweiten Teil ausschließlich Arien von Joseph Haydn gesungen, die aufgrund ihrer Seltenheit auf den Spielplänen in der Regel eigens einstudiert werden mussten. Das verschafft Begegnungen mit Haydn-Opern wie «Il mondo della luna» (Die Welt auf dem Mond), «La fedeltá premiata» (Die belohnte Treue) und «Orlando Paladino» (Ritter Roland), aber auch mit den besser bekannten Oratorien «Die Schöpfung» und «Die Jahreszeiten». 

Jana Stadlmayr (Österreich/Sopran) und Tatsuki Sakamoto (Japan/Bariton) sind die Gewinner des Opern.News-Preises, überreicht von Opern.News-Herausgeber Stephan Burianek © Tobias Müller

Das Publikum darf im Finale ebenfalls mitwählen, auch jene Personen, die online zugeschaltet sind. Der Publikumspreis wird seit einigen Jahren vom Schauspieler und Kabarettisten Alfred Dorfer gestiftet und persönlich übergeben, er geht in diesem Jahr an die Spanierin Ainhoa López de Munain.

Neben weiteren Preisen, wie jene für die beste Interpretation eines Liedes (Marcel Durka, Deutschland) oder einer Arie (Tatsuki Sakamoto) gibt es freilich einen ersten Hauptpreis. Er ist in diesem Jahr mit 8.000 Euro dotiert und wird von der Jury Valentin Ruckebier zugesprochen. Der deutsche Bassbariton ist bereits festes Ensemblemitglied an der Deutschen Oper am Rhein (Düsseldorf/Duisburg) und unterstrich seine Bühnenerfahrung bereits in der ersten Runde mit einer ungemein witzig gearbeiteten Leporello-Arie («Don Giovanni», Mozart). 

Das Finalkonzert besuchen auch in der zweiten Runde Ausgeschiedene, darunter Ondřej Benek, der einzige Tenor des Wettbewerbs. Nach dem Konzert schwärmt der Tscheche von der einzigartigen Atmosphäre in Rohrau, er spielt sich nun mit dem Gedanken, es im kommenden Jahr erneut zu versuchen. 

Und auch Jana Stadlmayr, die am finalen Abend noch unverhofft Grund zum Jubeln hat: Ihre gleichermaßen schlank klingende wie zu äußerster Dynamik fähige Stimme fiel dem schreibenden Beobachter bereits in der ersten Runde auf. Mit großer Wortdeutlichkeit und mit langgezogenen Koloraturen im hohen Bereich, die unter die Haut gingen, ersang sie sich den OPERN.NEWS-Preis, der erstmals von diesem Opernportal gestiftet wurde. Stadlmayr teilt sich diesen Preis ex aequo mit dem japanischen Bariton Tatsuki Sakamoto, der am Finalabend insgesamt drei Preise abstaubt. Die beiden werden im kommenden Jahr gemeinsam in einem Konzert auftreten, das Opern.News gemeinsam mit der Sektkellerei Johann Kattus veranstalten wird. Details dazu werden zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben. 

 

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