Prager Frühling 2026
Unheilig und unerotisch, aber schön
Jules Massenets «Marie-Magdeleine» im Nationaltheater Prag unter Robert Jindra mit Aleksandra Kurzak in der Titelpartie
Roland H. Dippel • 28. Mai 2026
Jules Massenets Jugendarbeit «Marie-Magdeleine» gelangt in Tschechien häufiger zur Aufführung als im deutschsprachigen Raum – in Prag 2012, in Ostrava 2013 und in Brünn 2025. Ehrlich gesagt: An der Musik des erstmals im Théâtre de l’Odéon am 10. April 1873 mit der epochalen Assoluta Pauline Viardot erklungenen Opernoratoriums allein kann es nicht liegen. Bei dessen Komposition war Massenet, dessen schillernde Frauenfiguren seit Claude Debussy auch von ambitionierten Regisseuren wie Christof Loy und Olivier Py bewundert werden, noch im Anfängermodus. Das gilt für das Erotische und das Sakrale, vor allem aber für Massenets Raffinessen dazwischen. Im kollektiven Gedächtnis Tschechiens aber hat die aus verschiedenen neutestamentlichen Figuren und Legenden zusammengesetzte Maria Magdalena große Bedeutung.
Von den Jesuiten wurde sie zur Rekatholisierung Tschechiens äußerst erfolgreich genutzt. Der Anteil von Protestanten blieb bis zur religiösen Erosion in der Ersten Tschechoslowakischen Republik verschwindend gering, und der Katholizismus verlor als Symbol der verhassten Habsburgermonarchie an Bedeutung, worauf die Tschechoslowakei 1920 mit der Gründung einer Staatsreligion reagierte. Die tschechischen Aufführungen von Massenets großem Oratorium sind deshalb auch wegen dieser von Jitka Sláviková in ihrem Programmheft-Aufsatz nicht erwähnten Aspekten erwähnenswert. Neben dem Fokus mit Barbara Hannigan gehört «Marie-Magdeleine» beim Festival Prager Frühling in eine Reihe von katholisch assoziierbaren Großwerken mit Berlioz' «La damnation de Faust», Joseph Haydns «Die Schöpfung» unter Václav Luks (28. Mai) und dem Verdi-Requiem unter Daniele Gatti (4. Juni).
Selbstbewusster als zur zahmen Handlung des Oratoriums agierte der zur Komposition 30-jährige Massenet im Kolorit, das er parallel zur Entstehung von Bizets «Carmen» und neben dem Vorbild von Gounods «Mireille» mit aparten Holzbläser-Exotismen à la Felicien David anreicherte, wie sie bis «Aida» nachklingen. Der Nationaltheater-Musikchef Robert Jindra mag und kann dieses französische Lyrik-, Sinnlichkeits- und Sentiment-Spektakel. Das hatte er zum Beispiel mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden letztes Jahr in Gounods «Roméo et Juliette» bewiesen. Jindra akzentuiert deutlich die geschlechtsspezifische Zuständigkeiten, wie sie Massenet und sein Librettist Louis Gallet vorführen: Die Frauen schwärmen für Jésus, die Männer bedrohen ihn. Die Vorwürfe aus den Evangelientexten zur Kreuzigung klingen nicht wie Spott, sondern als ehrlicher Vorwurf. Der Chor des Nationaltheaters Prag badet in Massenets umfangreichen Chorszenen. Chordirektor Lukáš Kozubík setzt auf opernhafte Deutlichkeit und dramatische Präsenz. Die Kinderstimmen (Einstudierung: Petr Louženský) erheben Jésus' Tod ins Außerirdische.
Für Sängerinnen aller Stimmlagen ist Marie-Magdeleine nur selten dankbar. Pauline Viardot, die Sängerin der Uraufführung, war eine Contralto-Assoluta mit Paradepartien wie Fidès in Meyerbeers «Le prophète» und «Orphée» in Berlioz' Gluck-Bearbeitung. Wagner hätte ihr die Isolde zugetraut. Aleksandra Kurzak punktete erst im Finale, wenn Méryem, „la Magdaléenne“, Jésus nach dessen Auferstehung erkennt. Die heikle Zwischenlage im berückenden Auftrittssolo und die distinguierte Begrüßung an Jésus liegt Kurzaks brennendem Temperament eher fern. In der Partitur besteht ein echtes Marie-Magdeleine-Dilemma: Gallet und Massenet erzählen die Kreuzigung aus Perspektive der Titelfigur. Trotzdem geben den mit frenetischen Erwartungshaltungen aufgeladenen Erwartungen an diese kaum Raum. Auch deshalb stoßen alle Sängerinnen in dieser Partie auf Herausforderungen, welche am ehesten wohl eine Gluck-affine Besetzung meistert. Kurzak wehrte sich mit einer visuellen Gegenoffensive: Sie erschien als Vulkan mit roten Haaren im schlicht schwarzen Folklore-Kleid. Das einzige Bunte in diesem war das mehrfarbige Gürtelband.
Die Konstellation zwischen Jésus, seinem Verräter Judas und Méryem setzt Assoziationen zu latenten oder brutal ausbrechenden Dreieckskonflikten frei, wie sie um 1870 in Opern üblich waren. Insofern verfälscht die Besetzung des Judas mit der hochachtbaren Ensemblesäule František Zahradníček das Spannungsnetz zwischen Méryem, Judas und Jésus. Auf international gültigem Massenet-Format singen und gestalten Arnheiður Eiríksdóttir als Méryems Schwester Marthe mit prägnantem bis üppigem Mezzo und vor allem Kang Wang als Jésus. Dieser Mann weiß nicht, was für eine Wirkung er auf Frauen und vor der Kreuzigung vielleicht auch auf Männer mit Herdentrieb hat. Der Tenor macht aus Deklamation gebundene Prosa, verblendet die hohen Töne in gesanglichen Phrasen und nimmt Kurzaks Herausforderung zum Vokalduell klugerweise nicht an.
Das Werk ist auch undankbar, weil man das Wissen um Massenets meisterlichen Dauer-Erotizismus nicht so einfach abschalten kann. Zwanzig Jahre später schufen Massenet und Gallet mit der lyrischen Komödie «Thais» ein weiteres Bekehrungsdramolett in antikem Ambiente. Da geraten die zu «Marie-Magdeleine» analogen Situationen doppelbödiger. Bei «Marie-Magdeleine» benötigt man schon einiges Hintergrundwissen über die von Gallet ziemlich reingewaschene Titelfigur und ihren Funktionswechsel von der Sexarbeiterin zur Eremitin. Noch legte Massenet in dieser Partitur keine prickelnden Elektroschocks zu Wortwechseln, Blicken und Körperkontakt.
Das Dirigat muss also nachhelfen. Die kammermusikalischen Pittoresken zum Klima des Nahen Ostens modellierte Jindra formbewusst und betörend. Wenn die volle Wirkung trotzdem nicht eintritt, liegt auch das an Massenet, der sich vom Vorbild Verdi weitgehend fernhielt. Auf der Hauptbühne zeigt das Orchester des Nationaltheaters volle Präsenz. Robert Jindra ist die Ausgewogenheit zwischen dem Orchester und den Gesangsstimmen viel wichtiger als Fortissimo-Beschallung mit Imponiergehabe. Zu Höhepunkten wurden die Szenen im Haus der so unterschiedlichen Schwestern und die Auftritte Jésus, wenn Kang Wang perfekt zwischen oratorienhafter Distanz und berückender Lyrik balanciert. Lange Ovationen im fast vollbesetzten Nationaltheater. Offenbar gehört «Marie-Magdeleine» fast so zur DNA des Hauses wie Smetanas Pracht- und Feieroper «Libuše».
«Marie-Magdeleine» – Jules Massenet
Pražské jaro (Prager Frühling) · Národní divadlo (Nationaltheater), Prag
Kritik des Konzerts am 27. Mai
Der Prager Frühling 2026 läuft noch bis 4. Juni