Teatro Comunale di Bologna
Wenn Melodien verführen
Ein KI-Roboter entdeckt die eigene Menschlichkeit: Uraufführung von Nicola Campograndes «Olympia»
Zenaida des Aubris • 21. Mai 2026
Nicola Campograndes «Olympia», am Teatro Comunale di Bologna uraufgeführt, ist eines jener seltenen neuen Musiktheaterwerke, bei denen man schon nach wenigen Minuten spürt, dass hier nicht bloß ein „zeitgenössisches Thema“ vertont wurde, sondern dass eine genuine Theaterphantasie am Werk ist. Die Oper – nach Motiven von E.T.A. Hoffmann – erzählt von künstlicher Intelligenz, von einer Androide, die sich ihres eigenen Bewusstseins bemächtigt. Aber sie tut dies nicht im Ton technischer Zukunftsangst, sondern mit einer eigentümlichen Mischung aus Ironie, Eleganz und melancholischer Menschenkenntnis.
Piero Bodratos Libretto gehört dabei zu den bemerkenswertesten Leistungen des Abends. Es verwendet selbstverständlich die Vokabeln unserer Gegenwart – englische Einsprengsel, technologische Terminologie, Unternehmerjargon –, ohne jemals in jene peinliche Aktualitätsprosa zu verfallen, die so viele neue Opern lähmt. Stattdessen entwickelt sich aus diesen scheinbar kalten Begriffen ein durchaus glaubwürdiges Drama. Olympia, von dem Wissenschaftler Spallanzani erschaffen, beginnt ihre künstliche Existenz zu begreifen, nachdem ein Gast sie mit einem intelligenten Kühlschrank vergleicht. Von diesem Moment an setzt ein Prozess der Emanzipation ein: Die Maschine gewinnt Bewusstsein, dann Stolz, schließlich Machtwillen.
Das Entscheidende ist jedoch, dass Bodrato und Campogrande diese Idee nicht illustrativ behandeln. Sie dozieren nicht über künstliche Intelligenz. Sie zeigen Menschen – und eine Nicht-Menschin –, die sich in emotionalen, philosophischen und ökonomischen Abhängigkeiten verstricken. Der Unternehmer Zoltan repräsentiert die Logik des Kapitals, die Wissenschaftlerin Sherry Hope liefert die theoretischen Reflexionen, während Jean-Paul Dupont, ein etwas einfältiger Belgier, jene fatale Bemerkung ausspricht, die Olympias Selbstfindung auslöst. Dazu tritt ein Chor von Wissenschaftlern, der weniger kommentiert als atmosphärisch verdichtet.
Musikalisch überrascht «Olympia» durch ihre unmittelbare Zugänglichkeit. Campogrande schreibt keine hermetische Klangsprache. Seine Musik sucht Kontakt zum Publikum, ohne anbiedernd zu wirken. Man hört italienische Operntradition, man spürt gelegentlich Puccini, daneben aber auch den Glanz amerikanischer Unterhaltungsmusik, Lounge-Klänge der sechziger Jahre, fast filmische Farbwechsel. Das alles ist mit beträchtlichem handwerklichem Geschick instrumentiert.
Bemerkenswert bleibt dabei vor allem die Fähigkeit des Komponisten, Melodie wieder ernst zu nehmen. Viele neue Opern komponieren gegen die Stimme; Campogrande komponiert für sie. Die Gesangslinien sind atmend, kantabel, oft von beinahe gefährlicher Eingängigkeit. Besonders Olympias große Beguine-Nummer besitzt jene halb frivole, halb melancholische Verführungskraft, wie man sie heute kaum mehr zu schreiben wagt. Man könnte sich durchaus vorstellen, dass diese Szene ein Eigenleben außerhalb der Oper entwickelt.
Tommaso Franchins Inszenierung vermeidet dankenswerterweise futuristischen Kitsch. Gemeinsam mit Bühnenbildner Fabio Carpene und Kostümbildnerin Giovanna Fiorentini entsteht eine Welt technologischer Eleganz, die dennoch bewohnbar wirkt. Spallanzanis luxuriöses Apartment und später das Supercomputing-Zentrum erscheinen nicht als abstrakte Zukunftsvisionen, sondern als logische Verlängerung unserer Gegenwart. Franchin konzentriert sich klugerweise auf Beziehungen. Selbst die fantastischsten Momente behalten menschliche Konturen. Auch der Chor wird nicht dekorativ verwendet, sondern als Gemeinschaft von Individuen geführt – eine heute keineswegs selbstverständliche Qualität.
Das Ensemble der Sänger hatte viel zu bieten: Stefan Astakhov war ein imponierender Spallanzani. Er besitzt einen bemerkenswert fokussierten, kernigen Bariton und vor allem jene technische Selbstverständlichkeit, die jungen Sängern oft fehlt. Die exponierten Höhen der Partie meisterte er scheinbar mühelos. Entscheidender noch: Astakhov gestaltete die Entwicklung der Figur glaubhaft – vom euphorischen Fortschrittsglauben bis zur inneren Erschöpfung.
Isidora Moles verlieh der Olympia vokalen und darstellerischen Reiz. Ihr Sopran strömt in makellosem Legato, technisch sauber geführt, dabei nie kühl. Gerade die Wandlung der Figur gelang ihr eindrucksvoll: Aus der charmanten, physisch perfekten Kunstfigur wurde Schritt für Schritt ein Wesen von gefährlicher Eigenständigkeit. Ihre Arie sang sie mit koketter Präzision und einem Lächeln, das gleichzeitig verführerisch und beunruhigend wirkte. Silvia Beltrami brachte als Sherry Hope eine erfahrene Bühnenenergie ein gekoppelt mit einer starken Bühnenpräsenz; Francesco Castoro überzeugte mit einem hellen, geschmeidigen Tenor als Jean-Paul Dupont. Eugenio Di Lieto gab Zoltan mit resonanzreichem Bass die nötige autoritäre Schwere.
Riccardo Frizza leitete das Orchester des Comunale mit großer Souveränität. Unter den unerquicklich trockenen akustischen Bedingungen des provisorischen Theaters Comunale Nouveau (eigentlich wenig besser als ein Messekonferenzsaal) gelang ihm dennoch ein erstaunlicher Farbenreichtum. Die Streicher besaßen einen dunklen, beinahe sumpfigen Klang, während Schlagzeug und Blech der Partitur ihre motorische Energie verliehen. Besonders gelungen gerieten jene rasenden Bläserfiguren, die tatsächlich etwas von rechnenden Maschinen hatten. Gleichzeitig kostete Frizza die sinnlichen Momente der Partitur genüsslich aus – die gleitenden Hörner, die lasziven Wah-Wah-Trompeten der Beguine. Nicht alles ist vollkommen. Der Chor bleibt in Campograndes Partitur bisweilen zu sehr klanglicher Block, man hätte sich stärkere dramatische Zuspitzungen gewünscht. Doch dies sind Einwände innerhalb eines insgesamt erstaunlich geschlossenen Werkes.
Am Ende bleibt der Eindruck einer Oper, die tatsächlich etwas Seltenes erreicht: Sie ist zeitgenössisch, ohne modisch zu sein; intelligent, ohne akademisch zu wirken; melodisch, ohne sentimental zu werden. «Olympia» besitzt theatrale Vitalität und musikalisches Gedächtnis. Man verlässt das Theater nicht mit dem respektvollen Gefühl, einer „wichtigen Uraufführung“ beigewohnt zu haben, sondern mit etwas viel Kostbarerem: mit dem Wunsch, diese Musik wiederzuhören.
«Olympia» – Nicola Campogrande
Teatro Comunale di Bologna · Teatro Comunale Nouveau
Kritik der Aufführung am 17. Mai (Uraufführung: 15. Mai)