Oper Leipzpig
Lortzing auf den Barrikaden
Die seltene Revolutionsoper «Regina» überzeugt in der Lesart von Regisseur Bernd Mottl nur bedingt. Das Lortzing-Debüt von Dirigent Constantin Trinks gelingt
Sabine Busch-Frank • 27. April 2026
Weit ist der Weg nicht von den Häusern der Musikalischen Komödie zur Oper Leipzig, von der komischen Oper «Der Waffenschmied», die dort am Vortag Premiere hatte, zu Lortzings letztem und einzigem ernsten Musiktheaterwerk «Regina». Die Ähnlichkeiten der beiden im Abstand von nur zwei Jahren entstandenen Werke scheinen das Regieteam von «Regina» inspiriert zu haben, auch dieses in einer Waffenschmiede spielen zu lassen, allerdings in moderner Zeit, weitab von Ritterrüstungen und Handwerker-Ethos.
Die Handlung des zu Lebzeiten des Komponisten unaufführbaren Werkes verquickt Revolution und Romanze und punktet mit starken Chorszenen: Regina, Tochter eines Fabrikbesitzers, und der Vorarbeiter Richard lieben einander, und weil diesem gelingt, einen drohenden Streik der Arbeiterschaft niederzuschlagen, stimmt ihr Vater der Verbindung gerne zu. Doch auch Richards Kollege Stephan liebt Regina und schwingt sich zum Anführer eines Freikorps auf, der die Fabrik alsbald stürmt.
Nachdem der Vater dem Aufständischen seine Tochter selbst unter Androhung von Waffengewalt nicht überlassen will, wird diese kurzerhand entführt, und die nächsten beiden Akte der Oper vergehen dann ein wenig verwirrend mit Fluchtversuchen, Rettungsunternehmungen und Gebeten um Beistand. Im Finale greift schließlich die bis dato eher mit Händeringen und verinnerlichter Verzweiflung hervorgetretene Titelheldin (Jacquelyn Wagner) zur Waffe und erschießt den Aggressor entschlossen. Ihr Geliebter Richard (stimmschön: Andreas Hermann) kommt zur Rettung knapp zu spät, hat sich aber inzwischen politisiert und steht als Freiheitskämpfer an die Spitze des Volkes.
Mit seinem beschwingten Freiheitsgesang, dessen Dreivierteltaktseligkeit dann doch eigenartig berührt, endet das Werk, das für sich in Anspruch nehmen kann, erstmals einen Arbeiteraufstand auf die Bühne gebracht zu haben. «Regina» war so am Puls der Entstehungszeit angesiedelt, dass die wenigen Inszenierungen, die entstanden, die Urfassung immer wieder überarbeitet und politisch instrumentalisiert hatten. 1998 war es der Starregisseur Peter Konwitschny, der eine Rekonstruktion zu einer vielbeachteten Aufführung brachte.
In Leipzig nun lag es nahe, einen lokal wohlbekannten Freiheitskämpfer, den 1848 in Wien hingerichteten Robert Blum, in die Inszenierung einfließen zu lassen, zumal dieser ein persönlicher Freund des Komponisten war. So finden sich in Umbaupausen Zitate aus seiner Feder auf dem Vorhang, und im Foyer informiert eine Ausstellung über sein Leben, das Lortzing zu seiner zeitgleich entstandenen Revolutionsoper inspiriert haben dürfte.
Auf der Bühne aber erweist sich die Lesart von Regisseur Bernd Mottl dann aber enttäuschend beliebig und nicht immer stringent. Wirr geht es beispielsweise zu mit der Kostümierung (Alfred Mayerhofer) des Chors: Mal haben die streikenden Arbeiter Werkskleidung in den Farben der Ukraine, das Überfallkommando dagegen sieht aus wie der schwarze Block bei Demonstrationen, vor der Schlussszene zieht das Volk kugelsichere Westen und Tarnkleidung über die Abendgarderobe. Wer ist rechts, wer ist links, wer kämpft für welche Rechte?
Viele Impulse stecken in dieser Inszenierung, aber sie passen irgendwie nicht richtig zusammen. Auch ein Kniff in der Personenregie geht nicht auf: Die alte und nie verglühte Liebe, welche die Regie Regina und dem Aufrührer Stephan andichtet, löst sich szenisch nicht ein. Umso mehr fällt auf, wie der Theaterpraktiker Lortzing hier, wo er das Genre zu wechseln versucht, sein Werk ins Korsett der Konvention zwingt. Viele dominante Männer finden sich ein: Ein väterlich allwissender Bass, ein Bariton-Gegenspieler, schön gestaltet von Mathias Hausmann, der böse ist wie der Freischütz-Kaspar, ein Tenor (Andreas Hermann) mit Hang zum Heldenton und einer mit Witz und Spieltenor-Attitüde (Dan Karlström). All dies weiß die Leipziger Oper auch respektabel zu besetzen und das Lortzing-Debüt von Dirigent Constantin Trinks gelingt.
Manche Momente dieser unbekannten Partitur lassen auch aufhorchen, eine „De profundis“-Opern-Variante im Marschmodus, ein trickreiches Strophenlied, schön gesungen von Dan Karlström, während das mit Schlafmittel versetzte Bier bei den Aufständigen sedierende Wirkung entfaltet, ein diabolischer Ausbruch im Walzertakt des Bösewichts. Aber dazwischen erklingt auch sehr viel musikalische Konvention, ausgewalzt über fast zweieinhalb Stunden.
Derweil wird viel auf Tischen herumgeklettert in dem sichtlich treuen, aber wenig inspirierten Gründerzeit-Bühnenbild von Friedrich Eggert, werden Möbel pathetisch umgestoßen und verzweifelt Hände gerungen. Am Ende, aus Notwehr zur Mörderin geworden, schaut Regina dann voller Verzweiflung auf ihren Geliebten, der dramatisch blutbefleckt einem Deutschlandfahnen schwingenden Mob voransteht. Sichtlich verstört schleicht sie sich seitlich von der Bühne.
Sie ist die Titelfigur – aber die Oper zu ihrer zu machen, ist nicht gelungen. Nicht Lortzing gelang das, so er denn seiner gleichnamigen Gattin ein Denkmal setzen wollte, und nicht dem Regiekonzept in Leipzig, wenngleich sogar die Dialoge extra neu gefasst wurden. Trotz aller Bemühungen bleibt diese «Regina» ein Museumsstück, eine interessante Randnotiz zu einem bemerkenswert unterschätzten musikalischen Gesamtwerk.
Bis zum kommenden Sonntag stehen auf dem Festivalplan noch die wohlbekannte musikalische Verwechslungskomödie «Zar und Zimmermann» in der Regie von Dominik Wilgenbus, die Nixen-Liebesgeschichte «Undine», eine Kinderoper unter dem Titel «Der kleine Zar» sowie ein Symposium zum Thema „Albert Lortzing und das Verhältnis von Komik und Ernst in Opern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ mit verschiedenen Begleitprogrammen. Leipzig. Lortzing. Lohnt sich.
«Regina» – Albert Lortzing
Lortzing 26 / Oper Leipzig
Kritik der Premiere am 25. April
Termine: 2./13./17. Mai; 12. Juni
Das Festival Lortzing 26 läuft noch bis um 3. Mai
Zum Thema
OPERN·NEWS
Man möchte sich die Augen reiben. Oper Leipzig: Was für ein tolles Stück: Sonja Trebes inszeniert Albert Lortzings «Waffenschmied» für das Festival Lortzing 26. Kammermusikalisch-elegant dirigiert Michael Nündel. – Von: Sabine Busch-Frank, 26.04.2026
Comeback einer Repertoiresäule. Dippel empfiehlt: Mit einem Festival für den Komponisten Albert Lortzing besinnt sich die Musikstadt Leipzig auf einen Publikumsmagneten des 19. und 20. Jahrhunderts, dem heute eine Lobby fehlt. – Von: Roland H. Dippel, 07.04.2026