Oper Leipzig
Man möchte sich die Augen reiben
Was für ein tolles Stück: Sonja Trebes inszeniert Albert Lortzings «Waffenschmied» für das Festival Lortzing 26. Kammermusikalisch-elegant dirigiert Michael Nündel
Sabine Busch-Frank • 26. April 2026
Leipzig, das ist Bach, der hier Thomaskantor war und seine Grabstätte gefunden hat. Leipzig, das ist Wagner, der hier zumindest in der Bachkirche getauft wurde, bevor seine Familie weiterzog. Leipzig ist die Stadt, in der Felix Mendelssohn Bartholdy edel residierte (wovon man sich heute in seinem Museum überzeugen kann), in der Clara und Robert Schumann ihren ersten gemeinsamen Haushalt begründeten (heute ebenfalls ein Museum). Und dann ist da noch der Berliner Albert Lortzing, der zwölf Jahre hier lebte und arbeitete, seine Erfolgsstücke «Zar und Zimmerman» und «Der Wildschütz» uraufführte, bevor er ziemlich unrühmlich ins Prekariat entlassen wurde: Rheumatische Beschwerden hatten ihn, Vater einer kinderreichen Familie, gehindert, sein Amt als Kapellmeister auszufüllen. Weiter ging seine zermürbende Lebensreise nach Wien.
Dem oft als spießig gehöhnten Stiefkind der großen Leipziger Komponistenriege also widmet die Oper Leipzig derzeit ein Festival, und das Programm, groß aufgesetzt in der letzten Saison des scheidenden Intendanten Tobias Wolff, ist sehr respektabel: Vier der über 30 Bühnenwerke stehen auf dem Spielplan, und der «Waffenschmied», mit dem das Festival eröffnet, ist schon mal ein sehr heikles. Viel Lust macht nämlich die Handlung nicht darauf, das Werk zu entdecken: Eine Story angesiedelt an der Zeitenwende zwischen sterbendem Adel und aufstrebendem Bürgertum, eine Tochter, die anders heiraten möchte, als Papa sich das wünscht, ein Handwerker mit intellektueller Attitüde, Verkleidung und Täuschung – das alles kennt man aus Richard Wagners «Meistersingern», aber eben ohne die Betulichkeit und den Biedersinn, der sich ins Werk Lortzings gefräst zu haben scheint.
Bei Lortzing ist es ein Graf mit dem sprechenden Namen „von Liebenau“, der sich zusammen mit seinem Diener Georg als Waffenschmied-Geselle verdingt, um sich der Tochter des Meisters Stadinger zu nähern. Seine eifersüchtige „Ex“ hat einen neuen Galan, den sie entsendet, die junge Liebe zu boykottieren, und weil der Graf sicher gehen will, um seiner selbst geliebt zu werden, tritt er in Verkleidung als sein eigenes Alter Ego auf. Er konkurriert also mit sich selbst um die Zuneigung der schönen Meistertochter Marie. Ein platter Plot, der nicht unbedingt durch Feinsinn und Glaubwürdigkeit besticht.
Die Inszenierung von Sonja Trebes bricht mit dem Klischee, greift dem Stück beherzt in die Eingeweide und schält einen zeitlos gültigen Kern heraus, der Staunen macht. Dabei sind es bei genauem Hinsehen nur wenige Textstellen, die sie ändert, sie kämmt das Stück nicht einmal gegen den Strich. Vieles ist bei Lortzing angelegt: Die Frauen, die könnten, wenn man sie nur lassen wollte, der Schmied, der nicht nur rotglühende Wut, sondern auch feinsinnige Menschenkenntnis hat, die Nebenrollen, welche musikalisch wie theaterpragmatisch aus der Außenseiterposition ins Zentrum drängen.
Dennoch ist es ein kleines Theaterwunder, wenn das brave Bassbravourstück „Auch ich war ein Jüngling“ an diesem Abend erklingt: Wenige Änderungen und ein Switch im Modus der Verbform machen den Unterschied, meißeln aus der nostalgischen Rückschau des alternden Mannes die Phantasie eines Visionärs heraus:
„Ach gäb´ es doch Schätze, von Geistern bewacht,
Und würde am Volk nicht gespart,
Die Kluft nicht vergrößert, die Bildung bedacht,
Der Hass mit dem Neid nicht gepaart.“
Und weiter:
„Der Geist wär nicht arm, so wie heut:
Das wär eine köstliche Zeit!“
Mit den 2,5 Mio. Euro vor Augen, welche die Leipziger Oper nach Vorgabe der Stadt dieses Jahr einzusparen hat, ist es auch ein Kommentar zur Kulturpolitik der Stadt, den Uwe Schenker-Primus als Waffenschmied Stadinger hier singt. Vor mucksmäuschenstillem Auditorium knipst er dann auch sinnfällig nach und nach alle Lichter des Bühnenbilds aus.
Auch diese Bühne (Dirk Becker), eine Hommage an die Werkstätten der Oper, ist ein kluger Kunstgriff, der darauf hinweist, dass das Theaterhandwerk in Zeiten seriellen Produzierens und Fachkräftemangel womöglich vor einer Zeitenwende steht, wie einst der Waffenschmied zu Beginn der Industrialisierung. Wenn die Inszenierung dann noch den Genossen Stadinger mit seinem Familienbetrieb gegen obskure Investoren, die mit geöffnetem Geldkoffer anrücken, positioniert, dann lässt das im Osten Deutschlands eine Narbe der Nachwendezeit jucken.
Man möchte sich die Augen reiben: Was für ein tolles Stück! Das hat auch mit der durchwegs kompetenten Besetzung zu tun, für die sich die Leipziger Musikalische Komödie, an der das Werk Premiere hat, auch Gäste des Opernensembles ausgeliehen hat, und mit dem kammermusikalischen, eleganten Dirigat von Michael Nündel, das unaufgeregt parliert und ziseliert, wie es gutes Handwerk eben kann.
Vor allem aber ist es das Händchen der Regie, das hier wohltuend wirkt. Trebes weiß, wo Text und Handlung bei uns Heutigen Unbehagen auslösen und ergänzt mit teils choreographierten, teils durch die Statisterie ausgeführten szenischen Kommentaren die Handlung. Dieses Agieren konterkariert das Geschehen, verhindert aber zugleich auch Langeweile. Da tauchen mal seltsame Rokoko-Fürstlichkeiten auf, mal gerät eine Varieté-Truppe ins Bild, dann wieder weisen drei Zorro-Damen bigotte Betschwestern in ihre Schranken, und bei all dem poltert immer mal wieder ein Ritter in voller Rüstung durch das Geschehen.
Musikalisch bleiben in einem durchwegs guten Ensemble die spielfreudige Sopranistin Elissa Huber als Marie und Uwe Schenker-Primus in der Titelrolle besonders in Erinnerung. Eine besonders schöne Leistung erbringt auch Sven Hjörleifsson als Georg, der sich der Wirkung seiner eleganten und pointierten Stimmführung so sicher sein darf, dass er den Beginn seiner Arie „War einst ein junger Springinsfeld, der wollt auf Reisen gehen“ getrost so in den Sand setzen kann, wie es die Regie ihm aus Gründen der Komik abverlangt.
Es mag an dem Ensemble und dem Haus, dieser Spielstätte leichter Muse, liegen, wenn einem beim Zuhören an diesem gleichermaßen beschwingten wie klugen Lortzing-Abend auch mal die Comedian Harmonists oder Peter Alexander in den Sinn kommen. Letzterer hat sogar einen kleinen Gastauftritt mit dem Schlager „Die süßesten Früchte“. Das kleine nostalgische Aperçu passt erstaunlich gut zum liebevoll entstaubten Lortzing. Warum sollte ein Fest für einen fast vergessenen Komponisten keinen Spaß machen dürfen?
«Der Wildschütz» – Albert Lortzing
Lortzing 26 / Oper Leipzig · Musikalische Komödie
Kritik der Premiere am 24. April 2026
Termine: 3./30./31. Mai; 3. Juli
Das Festival Lortzing 26 läuft noch bis um 3. Mai
Zum Thema
OPERN·NEWS
Comeback einer Repertoiresäule. Dippel empfiehlt: Mit einem Festival für den Komponisten Albert Lortzing besinnt sich die Musikstadt Leipzig auf einen Publikumsmagneten des 19. und 20. Jahrhunderts, dem heute eine Lobby fehlt. – Von: Roland H. Dippel, 07.04.2026