Dippel empfiehlt
Comeback einer Repertoiresäule
Mit einem Festival für den Komponisten Albert Lortzing besinnt sich die Musikstadt Leipzig auf einen Publikumsmagneten des 19. und 20. Jahrhunderts, dem heute eine Lobby fehlt
Roland H. Dippel • 07. April 2026
„So prägt Lortzings Einfluss die Musikstadt Leipzig bis heute“, heißt es in der Ankündigung. Der Wirkungsort, an dem der Komponist, Sängerschauspieler und Dirigent die glücklichsten Jahre seines Lebens verbrachte, richtet zum 225. Geburtstag und 175. Todestag von Albert Lortzing das Festival „Lortzing26“ aus. Hier wurden seine Dialogopern uraufgeführt, welche bis vor wenigen Jahrzehnten zu den in Deutschland meistgespielten Titeln gehörten: «Zar und Zimmermann» und «Der Wildschütz». Lortzing schrieb die Textbücher selbst und trat auch in den eigenen Stücken auf. „Lortzing hierbleiben“ rief das Publikum, als Lortzing seine Leipziger Zelte abbrach – so ist zu lesen in Hagen Kunzes während der Pandemie zügig entstandener Topographie „Gesang vom Leben – Biografie der Musikmetropole Leipzig“ (Henschel Verlag, 2021). Dennoch wechselte der produktive Familienvater nach Wien, hakte dort mit dem Erfolg «Der Waffenschmied» nach und starb im Alter von nur 49 Jahren am 23. Januar 1851, einen Tag nach der Uraufführung seines letzten Bühnenwerks «Die Opernprobe».
Ob der behauptete Einfluss auf Leipzig tatsächlich besteht oder nicht doch eine wohlwollende Behauptung ist, werden die zehn Tage vom 24. April bis 3. Mai auch mit einem umfangreichen Rahmenprogramm zeigen. Gewiss ist, gemessen an der Zahl von Lortzing-Neuproduktionen in den letzten 15 Jahren, Leipzig weltführend. Doch während die Messe- und Musikstadt trotz des alljährlichen Bachfestes den Thomaskantor Johann Sebastian Bach mit der ganzen Welt teilt und Richard Wagner durch den sportiven Rekord „Wagner 22“ mit allen 13 vollendeten Opern als Finale der Generalintendanz von Ulf Schirmer aus der Opernwelt in die Geburtsstadt Leipzig heimgeholt wurde, genießt das Lortzing-Paket tatsächlich weltweit Alleinstellungsstatus. Dem um eine Spielzeit früher als geplant seine Intendanz niederlegenden und am Staatstheater Braunschweig den nächsthöheren Karriereschritt erklimmenden Tobias Wolff hatten die Stadt und Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke mit dem Lortzing-Festival beauftragt. Ein schwieriges Unterfangen für Wolff, weil es für diese großangelegte Werkschau keinerlei vorbereitende Initiativen gab und die deutsche Oper von E. T. A. Hoffmann bis Johann Joseph Abert in Deutschland keine Lobby hat wie etwa das italienische Fach beim Label Opera Rara oder das Lied bei der Schubertiade Vorarlberg.
Opernliebhaber mit Entdeckungsambition dürfen sich also auf ein Premierenwochenende am 24. und 25. April mit «Der Waffenschmied» in der Musikalischen Komödie und vor allem mit Lortzings immer wieder hymnisch besprochener, aber hartnäckig von den Theatern gemiedener Revolutionsoper «Regina» freuen. Dazu gibt es als Wiederaufnahmen an der Musikalischen Komödie Dominik Wilgenbus' Dauerbrenner-Erfolg «Zar und Zimmermann» und im Opernhaus am Augustusplatz Lortzings «Undine», mit der Wolff 2022 seine Intendanz eröffnete. Dieses stolze Rehabilitationsprogramm soll den in den letzten Jahren massiv erodierten Publikumsliebling Lortzing ins strahlende Rampenlicht zurückholen.
Gerade deshalb ist das Stattfinden dieses Festivals von wesentlicher Bedeutung – wenn auch mit Randphänomenen wie der Diagnose einer kulturellen Mangelerscheinung und einer sich aufdrängenden Beobachtung: Wie soll das ortsansässige und anreisende Publikum etwas schätzen, dem Direktionen eine allenfalls halbherzige Zuneigung entgegenbringen? Delikat war in Leipzig auch die Situation, dass der bis 2022 als Intendant und Generalmusikdirektor residierende Ulf Schirmer mit dem Münchner Rundfunkorchester gelobte Einspielungen von Lortzings «Zum Großadmiral» und «Regina» beim Label CPO vorlegte, aber an seinem Wirkungsort nicht zu Lortzing-Werken ans Pult trat. Lortzings „Jubelkantate“ (LoWV 49) für die Leipziger Freimaurerloge „Minerva zu den drei Palmen“ wurde erst 2014 entdeckt und erlebte ihre Weltersteinspielung mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg Gera.
Über das Entschwinden des in Deutschland bis in die Nachkriegszeit mit ähnlichen Vorstellungszahlen wie Puccini präsenten Lortzing wurde viel spekuliert. Kurz zusammenfasst: Für Lortzings komische, aber ernstzunehmende Opern braucht man auf der Bühne Dialogkompetenz wie für «Die Zauberflöte» und «Die Fledermaus». Das ist bei internationalen Besetzungen trotz Coaching und Fleißarbeit oftmals ein Problem. Dass die Handlungen in Lortzings von ihm selbst verfassten Textbüchern betulich seien, dürfte kein ernsthaftes Handicap bedeuten, so wenig wie bei den Belcanto-Opern «L'elisir d'amore» oder «La sonnambula». Über 100 Jahre Repertoire-Präsenz im Spitzensegment können nicht irren, selbst wenn Lortzings «Undine» längst von Dvoráks «Rusalka» verdrängt wurde.
Für den Lortzing-Knick gibt es aber weitere Gründe: Der in seiner Wirkung auf den deutschen Sprachraum fokussierte Lortzing blieb übrig, als Anfang des 20. Jahrhunderts mit Verbreitung der Operette auf eigenen Bühnen die bis dahin ebenfalls beliebten Opéras comiques französischer Provenienz von Auber, Adam, Hérold, Boieldieu selten wurden. Lortzing wurde im Nationalsozialismus geschätzt und bis weit in die Nachkriegszeit. In Westdeutschland setzte sich überwiegend ein verharmlosender Aufführungsstil durch, im Osten wurde Lortzing als gedanklicher Wegbereiter der sozialistischen Idee und verhinderter Sozialkritiker inthronisiert. Dirigenten wie Robert Heger spielten mit prominenten Besetzungen seit den 1960er Jahren erstklassige Aufnahmen ein. Dann begann der allmähliche Terrainverlust. Lortzings Ruhm verblasste parallel zur steigenden Präsenz von Rossini, Donizetti, Bellini auf deutschen Bühnen. An den großen Häusern in Hamburg und Berlin hielt sich bis Anfang des neuen Jahrtausends «Zar und Zimmermann» in Abonnementvorstellungen. Aus den Gesangs- und Radiokonzerten verschwanden frühere Evergreens wie das Lied vom „flandrisch Mädel“ und Arien-Evergreens wie „Heiterkeit und Fröhlichkeit“ oder „Fünftausend Taler“. Einzelversuche zur Wiederbelebung gab es zum Beispiel von Ingolf Huhn, der in seinen Intendanzen am Mittelsächsischen Theater Döbeln Freiberg und am Erzgebirgischen Theater Annaberg-Buchholz Lortzings «Die Rolandsknappen», «Zum Großadmiral», «Andreas Hofer» und «Der Weihnachtsabend» herausgebracht hatte. Lobenswert war auch die Aufführung von «Die beiden Schützen» des Vereins Erlesene Oper im KuKo Rosenheim unter der Gesamtleitung des Musiktheater-Abenteurers Georg Hermannsdorfer (2016). Tiefpunkt einer Lortzing-Interpretation mit zur Tradition gerissenen Faden war die Einspielung von «Der Waffenschmied» um Günther Groissböck in der Titelpartie unter Leo Hussain mit dem Radio-Symphonieorchester Wien.
Insgesamt drei «Waffenschmied»-Produktionen machen in Sachsen mehr Lust auf Lortzing. Im Januar präsentierte der Fachbereich Oper der Hochschule für Musik und Theater «Felix Mendelssohn Bartholdy» mit Klavier eine spielfreudig wie witzig aktualisierte Inszenierung von Bernhand Stengele. Am Mitteldeutschen Theater Döbeln Freiberg machte Thomas Smolej die komische Oper zu «Der Waffe(n)lschmied». Sie ist letztmals am 26. April um 15.00 Uhr zu erleben.
Mit einer ambitionierten Produktion besinnt sich ab 20. Juni 2026 die Deutsche Oper Berlin auf «Zar und Zimmermann». In seiner Inszenierung plant Martin G. Berger den Sprung von den originalen im Textbuch wesentlichen Ländern in ein fiktives Staatswesen. Es fällt auf, dass durch solche Ideen auf einmal kein so großer Abstand zwischen Lortzing und Jacques Offenbach besteht wie bisher gedacht. Gewiss ist das Leipziger Festival das wichtigste und umfassendste Lortzing-Event seit langem. Trotzdem wird nur zu deutlich bewusst, dass großangelegte und wirkungsmächtige Initiativen wie Palazzetto Bru Zane für das französische Musiktheater des langen 19. Jahrhunderts oder die inzwischen weltweit gespielten Editionen der Fondazione Rossini in Deutschland fehlen.
Das Leipziger Festival hat demzufolge die Exklusivaufgabe, erst einmal das Breitenfundament für Lortzing zu erneuern, zu sichern und zu verjüngen. Ein Bon wurde bereits verspielt: Rahel Thiels im Frühjahr 2024 eigens als Beitrag zum Festival herausgebrachte Inszenierung von «Hans Sachs» kam leider doch nicht ins Festival-Angebot. Die in Sachen Publikationen rührige Albert Lortzing Gesellschaft (ALG) wäre gewiss auch in Zukunft ein hoch interessierter Mitstreiter für weitere Leipziger Lortzing-Projekte. Für eine höhere Präsenz Lortzings auf den Bühnen spricht nicht zuletzt das wirtschaftliche Argument, dass man fast alle Partien im Gegensatz zu denen Wagners aus dem eigenen Ensemble der Oper Leipzig und Musikalischen Komödie besetzen kann. Man muss nur wollen.
Lortzing26 (24. April bis 3. Mai) – Premieren:
24. April, Musikalische Komödie Leizpig: «Der Waffenschmied»
Musikalische Leitung: Michael Nündel / Tobias Engeli, Inszenierung: Sonja Trebes
25. April, Oper Leipzig: «Regina»
Musikalische Leitung: Constantin Trinks, Inszenierung: Bernd Mottl