Theater Dortmund
Zwischen TikTok-Wahn und blutiger Realität
Ernstzunehmende «Mazeppa»-Alternative neben Tschaikowski: In einer furiosen Inszenierung von Martin G. Berger entfaltet die Oper von Clémence de Grandval mit einer prachtvollen musikalischen Gesamtleistung eine für heute relevante Wucht
Roland H. Dippel • 16. März 2026
Was für ein grausames Opernende! In Peter I. Tschaikowskis rauer «Mazeppa»-Vertonung nach Alexander Puschkins Epos „Poltawa“ wird Maria wahnsinnig. Ihr wesentlich älterer Mann Mazeppa hat Marias Familie ausgelöscht und ihren Jugendfreund erschossen. Die historische Figur Iwan Stepanowytsch Masepa (ca. 1639 bis 1709), mit ukrainischer Herkunft in Polen geboren, switchte als Militär strategisch zwischen den Russen unter Zar Peter II. und den Saporoger Kosaken. Er beteiligte sich an Gemetzeln und starb nach der Schlacht von Poltawa schließlich auf osmanischem Gebiet. Masepas berühmter „Todesritt“ ist allerdings eine realitätsferne Legende: Als Strafe für eine illegitime Liebschaft wurde er nackt auf ein Pferd gebunden und mit diesem in die Steppe gejagt. Doch gerade dieser Mythos setzte in Musik, Literatur und Malerei enorme Energien frei. Als Sujet für eine nationale Kultur-Identität der Ukraine ist die Figur derart kompliziert, dass die Nationaloper Lviv zur Korrektur früherer Masepa-Narrative einen neuen Kompositionsauftrag vergab. Die «Mazepa»-Oper von Raoul Koczalski (Kyiv 1912) war indes in Vergessenheit geraten.
Spätestens durch die mit Begeisterung aufgenommene Dortmunder Produktion kennt man jetzt eine weitere ernstzunehmende Adaption. Genau zum Premierenwochenende veröffentlichte das Label Bru Zane zudem die konzertante Aufführung der Grande Opéra von Marie Clémence de Grandval (1830 bis 1907). Die Komponistin erhielt Unterricht durch Friedrich von Flotow und Camille Saint-Saëns. Mit eigenen finanziellen Mittel entkräftete sie die Vorbehalte der männlich dominierten Kulturszenen gegen ihr Œuvre von sechs Opern, einem beliebten Stabat mater, Kammermusik und Liedern. Ihr «Mazeppa» auf das Textbuch von Charles Grandmougin und Georges Hartmann wurde 1892 als „pièce bien faite“ (gut gebautes Stück) in Bordeaux ein Erfolg, das nochmals zentrale Motive der Grande Opéra seit Rossini und Halévy bündelte Volksgesänge zwischen trügerischer Hoffnung, Aufruhr und Verzweiflung, zerstörerische Privatbeziehungen und ein fragwürdiges Heldenbild.
In Grandvals «Mazeppa» erkennt man deutlich Muster von Meyerbeer über den späten Verdi bis hin zum frühen Wagner und Massenet. Dabei ist Grandvals zweistündige Oper ein packend kurzweiliges Werk. Es verknappt die monumentalen Form-Dimensionen des mittleren 19. Jahrhunderts mit einer fast modernen musikdramatischen Anschmiegsamkeit. Unbedingt empfiehlt sich ihr «Mazeppa» für den Prüfstand durch weitere Inszenierungen – weitaus substanzreicher als etwa die Essener Entdeckungen von «Fausto» oder «Die Fritjof-Saga».
Anders als Tschaikowskis Maria bleibt Grandvals Matréna bei geistigem Bewusstsein und weist Mazeppa am Ende entschieden von sich. Zuvor gibt es einen ganzen Akt, in dem Grandval die Konstellation Sentas zwischen ihrem irrationalen Helden-Idol und dem zurückgewiesenen Ex Erik aus Wagners «Der fliegende Holländer» aufgreift – hier übertragen auf Matréna zwischen Mazeppa und ihrem kämpferischen Landsmann Iskra. Man sollte unbedingt untersuchen, inwieweit sich bei Grandval die Bestätigung patriarchaler Positionen und ihre spezifisch frauliche Perspektive reiben. Diese Oper ermöglicht tatsächlich polyvalente Sichtweisen.
Die Regie von Martin G. Berger agiert intelligent und zeugt von Verständnis für die Wirkungsschrauben. Kluge Entscheidung: Berger wuchtet die Oper aus den ideologischen Schusslinien zwischen russischen und ukrainischen Sichtungen heraus. Stattdessen entwirft er ein Panorama von kollektiver Heldenverehrung und deren brutaler Zertrümmerung. Bei Grandval steht der „Todesritt“ als Ouvertüre am Beginn. Da jagt Mazeppa wie ein Science-Fiction-Heroe auf einem fliegenden Bike durch Wolkenkratzer-Schluchten – zur Befreiung eines geknechteten Kollektivs. Die „Ent-Täuschung“ folgt: Alles entpuppt sich als demagogischer TikTok-Zauber aus einem kargen Keller mit angeranztem Equipment.
An dieser billigen Manipulation hängt Matrénas Liebe fast noch mehr als am real umschwärmten Mazeppa. Doch da hat dieser die Massen längst usurpiert. Matrénas Vater Kotchoubey und ihr früherer Gesinnungsgenosse Iskra kämpfen verzweifelt gegen Mazeppa. Nur bei Berger, nicht bei Grandval, kommen Kotchoubey und Iskra am Ende wieder an die Macht. Aber Matréna selbst ist erledigt: Ihre Liebe zu Mazeppa zertrümmert, der Weg zurück zur früheren Gruppenidentität unwiederbringlich verbaut. Dabei ist Matréna diejenige, die bei Grandval wie bei Berger unerschütterlich um Objektivität statt Hass ringt. Das gerät in Dortmund zu einer hochspannenden und Diskussionen herausfordernden Sicht.
Berger baut keine simplen Gut-Böse-Mauern. Mazeppa wird im Video als Aufsteiger aus einer religiösen Unterschicht zum Referenten des namenlosen „Bösen“ und lässt sich als Clone instrumentalisieren. Berger, das Bühnenbild von Sarah-Katharina Karl, die Kostüme von Alexander Djurkov Hotter und Vincent Stefans Videoanimation spielen furios mit den visuellen Mitteln des Genres. Der sich engagiert ins Geschehen werfende Opern- mit Projektchor (unter der „grand-artigen“ Leitung von Fabio Mancini) zeigt sowohl die Verführbarkeit durch Medien als auch die blutig-schäbige Realebene. Man ist sich hier im Klaren über die so wichtige Synergie von szenischer und musikalischer Suggestivität: Dieses Konzept gelingt nur, weil es neben den theatralen Mitteln ebenbürtige musikalische Gestaltungsressourcen gibt. Und diese Ressourcen hat man in Dortmund.
Dort potenzieren sich profunde Grande Opéra-Expertise und explosive Figurenporträts. GMD Jordan de Souza und die Dortmunder Philharmoniker schärfen mit Respekt und Liebe, ohne dass Glanz und Eleganz zu kurz kommen. Während das Münchner Rundfunkorchester auf der CD-Einspielung von Bru Zane mit elegischer Leichtigkeit für Grandval plädiert, folgt in Dortmund der wahre Ritterinnenschlag durch hochdramatische Spannungsenergie. Die Partitur gleißt hier in allen Vorzügen und Spektralfarben, zeigt dabei eine stringente Individualität.
Das Dortmunder Ensemble singt und agiert mit Kraft und subtilem Schauspiel-Format: Mandla Mndebele kommt und siegt in der Titelpartie – eine der wenigen echten Aufgaben für einen Heldenbariton im französischen Repertoire. Mndebele zeigt die Verletzlichkeit des gefährlichen Charismatikers und entwickelt ein ambivalentes wie packendes Profil. Anna Sohn wächst über sich hinaus: Zu Beginn fährt ihre Matréna als verbohrtes Helden-Groupie mit Kopf und Stimme buchstäblich durch die Wand, später bewältigt sie mit Höchstintensität und enormer Spannweite die vokalen Zerreißproben des grausamen Endes. Sungho Kim gibt ebenbürtig einen Iskra mit energischen Vokaltorpedos für den frustrierten Liebenden und großer Power für den Sieger. Beträchtlich aufgewertet vom Vater-Phlegma zum Politopfer wird Artyom Wasnetsov als Kotchoubey; sein Prachtbass wird mit den szenischen Wunden immer intensiver. Denis Velev gibt den Archimandrit als parfümierten Einpeitscher und Wendehals mit schmeichelndem Bassbariton.
Auch mit Grandvals spannendem Werk bestätigt sich also eindrucksvoll, was für ein gegenwartsnaher, brisanter und musikalisch wirkungsvoller Tummelplatz die endlich rehabilitierte Grande Opéra sein kann. Davon bitte mehr – und zwar so schnell wie möglich!
«Mazeppa» – Clémence de Clairval
Theater Dortmund · Opernhaus
Kritik der Premiere am 15. März 2025
Termine: 22. März; 10. April; 2./15. Mai 2026