Theater Magdeburg
Aufgesextes Absurdistan
Julien Chavaz nimmt Schnittkes postmodernen Opern-Hit «Leben mit einem Idioten» märchenhaft leicht. Alison Scherzer und Timur sind ein Supertandem für Neue Musik
Roland H. Dippel • 08. März 2026
Bis kurz nach dem Millenium war Alfred Schnittkes zweiaktige Oper «Leben mit einem Idioten» im wiedervereinigten Deutschland ein Serienerfolg. Man erfreute sich der wiedererlangten Einigkeit, die trotz Wohnberechtigungsscheinen im Osten und Treuhand-Transfers noch eine Eintracht war. Man freute sich auch gewaltig über Perestroika und Glasnost sowie dem offenen Zug des dortigen Kulturschaffens. Doch bereits zur internen Gremiendiskussion war die 1980 vollendete Erzählung des bei der Magdeburger Premiere anwesenden Autoren Wiktor Jerofejew (geboren 1947) in der Sowjetunion ein Skandal über natürlich nur im Kapitalismus gehegte Deviationen und Anmaßungen.
Die Libretto-Fassung schuf Beate Rausch, die deutsche Adaption erfolgte durch Jörg Morgener. Im Aufsatz des russischen Literaturwissenschaftlers Andrei Rogatchevski geistert noch immer eine Frage zum Text durch das Programmheft: „Wer ist hier Lenin?“ – die Figur des Ich, dessen Ehefrau oder die des aufrührerischen Idioten Wowa, der mit Kost und Logis bei einem Ehepaar in dessen trautem Heim an Weiblein und Männlein seinen sexuellen Schabernack treibt – bis alle schreien, der spielerisch und singend heftig geforderte Opernchor des Theaters Magdeburg inklusive? Martin Wagner hat das mit diesem in präziser Drastik erarbeitet. Alfred Schnittkes eigenwilliges Stück, uraufgeführt am Het Muziektheater Amsterdam 1992, galt als Hit-Blüte der musikalischen Postmoderne mit Bonus als russisches Subversionsstück. Das gilt noch heute. Aber zu den diese Spielzeit in Mitteleuropa wie Pilze aus dem Moos schießenden Psychiatrie-, Horrorthriller-, Demenz- und Alzheimer-Opern von «The Lion's Face» in Radebeul bis «Shining» in Regensburg und Stralsund gehört sie nicht. Das hat Magdeburgs Generalintendant Julien Chavaz für seine später an die Opéra National de Lorraine in Nancy übernommene Inszenierung erkannt.
Aber Marcel Proust, für den Sozialismus ein genialer Vertreter spätbürgerlicher Dekadenz, tritt auf – mit etwas kleinerem Zylinder als Charlie Chaplins Melone. Anneliese Neudeckers Bühnenbild ist ein Riesenloch in zartrosa. Vor und in diesem paradiert der Opernchor als Tross aus mitteleuropäischen Märchen- und Spaßfiguren – alles dabei: Feen, Wichteln mit Riesenzipfelmütze bis zur Nonne und einem knallrotem Verführerteufel. Am Chor und den Solofiguren hat auch Severine Besson mit Kindertraum-Kostümen alles durch-phallisiert und durch-vaginalisiert – eher symbolisch, versteht sich. Noch drastischer klingt die sexuelle Turbo-Persiflage aus Schnittkes Musik, die sich nicht genug kriegt zwischen eindeutigem Stöhnen und Salonmusik von Barbara Hentschel (Geige) und Daniel Abrunhosa (Klavier) auf der Bühne. Das Duo bildet „Auge“ und „Ohr“ neben dem samtenen Duktus der Megaphon-Stimme (Bettina Schneider). Schnittke steht also doch nicht so weit von den Doktrinen des Sozialistischen Realismus. Gewiss ist in seiner Partitur der Anteil von Zitaten aus der europäischen Kunstmusik größer und jener der sowjetischen Regel-Modernismen geringer. Für diese Musik braucht es demzufolge gute Regie-Ideen und frivolen Übermut, vielleicht sogar Hochmut. Den hat Chavaz, ohne das Premierenpublikum zu verstören.
Hier gibt es eine Vermittlungsbörse, zu der Ich und seine Frau mit ihrem Idioten-Wunsch schreiten wie ins Tierheim oder zum Adoptionsbüro. Die Schlafcouch wirkt etwas abgewohnt, und aus der fast antiken Fernsehmattscheibe rieselt fast nur Flimmern. Fast alles auf der aufgesexten Bühne bleibt trotzdem jugendfrei.
Im am Premierenabend über die Hälfte gefüllten Magdeburger Opernhaus sind nur ganz wenige empört, noch weniger verlassen den Saal wegen postavantgardistischer Empörungsschockstarre. Das hat der Aufruf in den letzten Jahren zur Genderkratie gründlich bewirkt: Der physische Vollzug von Homosexualität, wie zwischen dem Idioten und dem Ich, schockt nicht einmal mehr in straff rechten Regionen. Aber leider macht sich auch kaum jemand mehr Gedanken über das symbolische Potenzial von „Queerness“, die hier lasziv und laut ist wie zum CSD oder Halloween. Da steht «Leben mit einem Idioten» in greller Parallele zu Ligetis «Le grand Macabre» und Pendereckis «Ubu Rex». Nur bei Schnittke wird der Clown als Existenzform zum realen Angebot. Aber kann man das Clown-Sein als exklusiven Status noch leben, wenn alle zu Clowns geworden sind?
Die Neuproduktion steht in Halbzeit zwischen den Ausgaben des Magdeburger Festivals eXoplanet für neues Musiktheater. Sie lebt beträchtlich durch die hohen, sportiven, farbigen Stimmen im Ensemble – Düster wirkt allenfalls Gyula Nagy als Ich. Er macht ja schließlich auch das meiste durch aufgrund seines eingefleischten Fetischs für Proust-Leserinnen. Am Ende soll man nicht wissen: Ist Ich tatsächlich meschugge oder 'nur' zum Anfang einer Endlos-Zeitspirale zurückgeschleudert? Ist generell alles ein absurder Witz, dessen Musik wenig beiträgt zur behaupteten oder tieferen Bedeutung? Am besten denkt man nur so weit wie bei Samuel Becketts nicht ankommenden Godot. Alison Scherzer erscheint als weiße Fledermausflügeln, silbernen Leggings und kleinlockigem Feenhaar. Später taucht sie ins leicht Rosane und – wenn sie von Ich gemeuchelt wird – in ihr eigenes Blut gebadet. Scherzer sieht also aus wie Barbie, soll aber nicht so sein wie Barbie und hat einen gleißend stählernen Höhensopran, dass die Magdeburger Operndirektion schleunigst über «Lulu» nachdenken sollte. Ein ebenbürtiges Stimmkraftbündel ist ein Tenor, der sich auf dem Programmzettel lediglich als Timur bezeichnen lässt, als Idiot Wowa, Namensvollform Wladimir (Lenin?): Wowa kommt zuerst herausgeputzt wie ein Lämmchen, auch die Hundemaske – Basset? – macht Eindruck. Vor allem besticht Timur stimmlich. Als Wowa hat er bedauerlicherweise gar nicht so viel zu singen, dafür mehr zum Hecheln, Stöhnen und Quietschen. Wenn Timur aber singt, harmoniert er perfekt mit Alison Scherzer. Vincent Casagrande ist als Proust kaum mehr als ein Stichwortgeber, Johannes Stermann macht bombigen Eindruck als von Schnittke ebenfalls kurz gehaltener Wärter und András Adamik überzeugt als Bursche. Trotzdem: Nach so viel erotomanischer Ausstattungsschlacht, Märchenbildern und schließlich leicht monotoner Beischlafgymnastik tritt nach 90 pausenlosen Minuten leichte Müdigkeit ein.
Schnittkes Instrumentation scheint wie geschaffen für die transparente und leicht kühle Akustik des Opernhauses am Universitätsplatz. Mit der Magdeburger Philharmonie durchmisst der Dirigent Paweł Popławski die Partitur ohne Fehl und Tadel, aber auch ohne echtes Interesse für deren parodistisches Potenzial, musikhistorische Querbezügen und die Frage, wie man Schnittkes Opposition zu deutlicherem Klang machen könnte. Auch durch diese unverbindliche Offenheit ist die Magdeburger Neuproduktion eher märchenhaft fern als aufregend nah. Möglicherweise verlieren Schnittkes Opern durch die weltpolitischen Herausforderungen der letzten Jahre schlichtweg ihre frühere Dringlichkeit.
«Leben mit einem Idioten» – Alfred Schnittke
Theater Magdeburg · Opernhaus
Kritik der Premiere am 7. März 2026
Termine: 28. März; 12. April; 3./17. Mai