Wiener Staatsoper
Prächtiges Stadttheater
Der Graf ein Oligarch, im Zentrum ein Bett, kein Sinn für das bürgerliche Trauerspiel: Philipp Grigorian durfte Verdis «Luisa Miller» inszenieren. Musikalisch ist es grandios
Stephan Burianek • 17. Februar 2026
Vielleicht war es für den Russen einfach das falsche Stück. Dabei beginnt Philipp Grigorian seine Sicht auf Verdis Schiller-Adoption «Luisa Miller» durchaus vielversprechend, obwohl er in die Ouvertüre hineininszeniert hat: Der großartige George Petean sitzt an einer Wiener Öffi-Station und denkt als alter Mann an sein Leben zurück. Seine Tochter Luisa feiert in einer knallgelben Lagerhalle Geburtstag, die Belegschaft lässt sie groß feiern, der besorgte Papa warnt sie noch vor dem Hallodri, der ihr den Kopf verdreht hat. Die Torte mit den brennenden Kerzen kommt mit dem Gabelstapler, alle sind happy. Aber die Story kippt bei Grigorian – der sich dem fantastischen Realismus des russischen Theaterregisseurs Jewgeni Wachtangow verpflichtet fühlt und auch für knallig-übertriebene Bühnenbilder sorgt – nie wirklich. Die Mätzchen hören nicht auf, Grigorian vertraut der Kraft des Originals nicht. Natürlich schmunzelt das Publikum, wenn Luisa den von ihrem Herzblatt geschenkten Riesenteddy enttäuscht in die Bühnengasse schmeißt und der daraufhin zu ihr zurückgetrippelt kommt. Oder wenn die verwitwete Herzogin Federica (makellos: Daria Sushkova) in einer unendlich langen Stretch-Limousine vorfährt. Die Tragödie aber, bei der Verdi auch musikalisch ziemlich nahe an Schillers „Kabale und Liebe“ blieb, erfährt dabei eine das Thema verfehlende Verniedlichung, in der die Rückschau von Luisas Vater zudem zur Farce gerät.
Außerdem hat man das alles schon so oft gesehen: Aus dem Grafen wird ein neureicher Oligarch im knalligen Ornamentmantel, der seinen Geschäften in der Haustherme nachgeht, in der die Huren nicht fehlen dürfen. Auch das Bett, das irgendwann den zentralen Ort der Handlung bildet, ist längst zum beliebten Regietheater-Accessoire geworden. Die eigentliche Handlung verlegt Grigorian offenbar von Tirol nach Wien, was spätestens dann für Verwirrung sorgt, wenn die Truppen des Oligarchen den armen Miller, Luises Vater, willkürlich gefangen nehmen. Spielt die Handlung in der Zukunft? Haben die Faschisten Österreich bereits in ihrer Hand? Warum liest Luisa dann aber die Zeitung anstatt aufs Handy zu schauen? Zudem sorgen Vlada Pomirkovanayas Kostüme (sollen die weißen Federn auf Rodolfos Hut an die Parade-Uniformen der Habsburger erinnern?) immer wieder für eine unfreiwillige Komik. – Nein, das war nichts. Eine „Oper 2.0“ hatte Bogdan Roščić dem Publikum vor seinem Amtsantritt als Wiener Staatsoperndirektor versprochen, bekommen hat es ein prächtig ausgestattetes Stadttheater.
Musikalisch ist indes alles vom Feinsten, das Künstlerische Betriebsbüro hat eine gute Arbeit geleistet und international führende Kräfte für diese Premierenproduktion zusammengeführt. Dass diese zumeist gemütlich von der Rampe aus singen dürfen und sich auf ein mustergültiges Dirigat durch den römischen Musikdirektor Michele Mariotti stützen können, hilft zusätzlich. Dementsprechend gewürdigt wurden die Bühnenakteure nach der Premiere von der Wiener Presse, deren Urteile auch zwei Wochen später in der zweiten Aufführung bestätigt wurden: „Als junge Frau in Liebes- und Gewissensnöten“ fülle Nadine Sierra die Titelpartie mit „ihrem beweglichen, leicht dunklen getönten Sopran“ passend aus, so Walter Weidringer in der Tageszeitung Die Presse, denn sie lasse „das virtuos Glitzernde nie zum Selbstzweck werden, sondern bindet es glaubwürdig in lyrische Herzensphrasen ein.“ George Petean wiederum bestätige als Lusisas Vater Miller „seinen Ruf als ein echter, nobler Verdibariton“.
Über den Tenor schrieb Christoph Irrgeher in der Tageszeitung Der Standard: „Mag zwar sein, dass Freddie De Tommaso im Zweifelsfall lieber zu viel als zu wenig von seinen vokalen Bärenkräften hören lässt. Dafür elektrisiert dieser Rodolfo auch abseits seiner Prachtarie ‚Quando le sere al placido‘, die er mit einem süffigen Schleifer garniert.“ Bleiben noch der sonore Marko Mimica, der als intriganter Wurm leider keine Arie zu singen hat und Roberto Tagliavini, der in der zweiten Vorstellung seine Partie als Graf von Walter mehr als solide meisterte. Eine achtbare Leistung zeigte das Opernstudio-Mitglied Teresa Sales Rebordão als Luises Freundin Laura.
Den Despoten lässt der Regisseur werkgerecht am Leben, nur Wurm fällt durch Rodolfos Schwert. Das Ende in psychodelischer Optik ist einmal mehr höchst unbefriedigend, zumal Rodolfos Mord aus Eifersucht an seiner treuen Geliebten in keinster Weise kommentiert wird – und somit in einer Zeit, in wir gleichsam täglich von Femiziden lesen, als nachvollziehbar interpretiert wird. Schwamm drüber.
«Luisa Miller» – Giuseppe Verdi
Wiener Staatsoper
Kritik der Vorstellung am 16. Februar
Termine: 20./23./26. Februar; 1. März